— Hallo, Mama. Wie geht es dir? Ich wollte nur wissen, wie du dich fühlst, — sagte er, und seine Stimme verwandelte sich schlagartig. Alles Harte, alles Schneidende war daraus verschwunden. Stattdessen lag plötzlich weiche, samtige, fast kindliche Fürsorge darin. Es war ein abstoßendes Schauspiel, so falsch, dass Laura Schneider es mit erschreckender Klarheit durchschaute.
— Ach, Lukas… Wie soll es mir schon gehen… Ich liege. Mir ist heute wieder schwindlig. Ich habe auf Laura gewartet, sie hatte doch gesagt, sie käme vorbei. Kommt sie nicht? Ist etwas passiert?
In jedem Wort von Sabine Baumann lag die Kränkung eines alten Menschen, vermischt mit Sorge und hilfloser Erwartung. Sie klagte nicht offen, doch ihr Ton sagte mehr als jede Beschwerde: Er zeichnete das Bild völliger Verlassenheit.
— Nein, Mama, sie kommt nicht. Sie hat… Arbeit, — Lukas Meier ließ nach diesem Wort eine bedeutungsvolle Pause entstehen, als könnte er in diese eine Silbe eine ganze Anklage pressen. — Sehr viel Arbeit. Wichtige Dinge.
Laura Schneider stand an den kalten Kühlschrank gelehnt und schwieg. Sie rührte sich nicht, atmete kaum. Sie hörte diesem Gespräch zu und spürte, wie in ihr der letzte Rest Wärme für den Mann, der nur zwei Schritte von ihr entfernt stand, erlosch. Lukas Meier stritt nicht einfach mit ihr. Er benutzte seine kranke Mutter mit berechnender Kälte als Rammbock, um Lauras Widerstand zu brechen. Aus der Angst und Einsamkeit seiner Mutter machte er eine Waffe — und richtete sie gegen die Frau, die er angeblich liebte. Das war nicht mehr nur Druck. Das war nicht einmal mehr Manipulation. Das war Niedertracht.
— Hast du wenigstens etwas gegessen? — setzte Lukas Meier sein Theater fort. — Du musst essen, Mama. Du weißt doch, dass du nicht nüchtern bleiben darfst.
— Was soll ich denn allein essen… Ich habe gar keinen Appetit. Vielleicht ist es wieder der Blutdruck. Ich habe meine Tablette genommen, jetzt liege ich hier und starre an die Decke. Gut, dass du angerufen hast, mein Sohn, sonst wäre mir die Traurigkeit ganz über den Kopf gewachsen…
Lukas Meier ließ diesen Satz bewusst im Raum hängen. Er sollte sich setzen, sollte in Laura Schneiders Gewissen einsickern. Dann sah er sie an, ohne seinen Überlegenheitsanspruch auch nur im Geringsten zu verbergen. Sein Blick sagte: Na? Hat es getroffen? Begreifst du jetzt endlich, wie herzlos du bist?
Doch er hatte sich verrechnet. Er hatte Tränen erwartet, Reue, Scham, vielleicht ein erschrockenes Zusammenbrechen ihres Widerstands. Stattdessen sah er nur eine Maske aus Eis. Ihre Augen, eben noch lebendig und warm, wirkten nun wie zwei dunkle, undurchdringliche Kristalle. Darin war nichts mehr. Kein Zorn, keine Verletztheit, keine Bitte. Nur Leere. Eine Leere an der Stelle, an der vor einer Stunde noch Liebe gewesen war.
Sie sah nicht mehr ihn an, sondern durch ihn hindurch — bis auf den hässlichen Kern seiner Handlung. In diesem Augenblick begriff sie endgültig: Es ging nicht um seine Mutter. Es ging um ihn. Um seine verdorbene, konsumierende Art, für die jeder Mensch lediglich eine Ressource war. Seine Mutter ebenso wie sie selbst. Beide waren für ihn nur Funktionen, Werkzeuge, dazu da, sein Wohlbefinden und seine Bequemlichkeit zu sichern.