
„Vielleicht könnten wir sie für eine Woche bei uns aufnehmen?“ fragte Alexander verlegen — Emilia bot sofort das freie Zimmer an
Selbstlose Gastfreundschaft wirkt warm, doch beunruhigend.
Emilia Peters schnitt das Brot in hauchdünne Scheiben. Durch die Gardinen fiel die Morgensonne in die Küche und legte helle Streifen auf den Tisch. In den zwei Jahren ihres gemeinsamen Lebens waren solche Frühstücke für sie und Alexander König zu einem stillen, vertrauten Ablauf geworden.
„Emilia, ich muss mit dir über etwas reden“, sagte Alexander und stellte seine Kaffeetasse beiseite. „Christina und Felix haben Schwierigkeiten.“
Emilia hob den Kopf. Der besorgte Ausdruck im Gesicht ihres Mannes entging ihr nicht.
„Was ist passiert?“, fragte sie und biss von ihrem belegten Brot ab.
„In ihrer Einzimmerwohnung ist ein Rohr geplatzt“, erklärte Alexander und rieb sich müde über den Nasenrücken. „Der Vermieter will jetzt eine größere Sanierung machen. Er meint, unter einer Woche wird das nichts.“

In Gedanken ging Emilia sofort ihre Wohnung durch. Drei Zimmer boten genug Platz, um Gäste unterzubringen.
„Und wo schlafen sie im Moment?“, wollte sie wissen.
„Vorübergehend bei meinen Eltern“, antwortete Alexander mit einem verlegenen Lächeln. „Aber dort ist es ziemlich eng. Vielleicht könnten wir sie für eine Woche bei uns aufnehmen?“
Emilia zögerte nicht. Familie blieb schließlich Familie.
„Natürlich. Sie können das freie Zimmer nehmen“, sagte sie. „Ich hole nur frische Bettwäsche heraus.“
Noch am selben Abend standen Christina Lange und Felix Schmitt mit ihrem Gepäck vor der Tür. Die zwei großen Koffer wirkten nicht gerade so, als seien sie nur für einen kurzen Notaufenthalt gepackt worden. Christina sah sich in der Wohnung um, und ihre Bewunderung war kaum zu übersehen.
„Alexander, ihr habt es ja wirklich wunderschön hier!“, rief sie aus, während ihr Blick durch das geräumige Wohnzimmer wanderte. „Und diese Küche! So viel Platz!“
Emilia lächelte und half dabei, die Sachen der Gäste abzustellen.
„Wir hatten einfach Glück mit der Wohnung“, sagte sie bescheiden. „Kurz bevor die Preise noch einmal richtig angezogen haben, konnten wir sie bekommen.“
Christina und Felix wechselten einen schnellen Blick. Irgendetwas lag darin, als würden sie sich ohne Worte verständigen. Emilia bemerkte es zwar, maß dem aber keine Bedeutung bei.
Die nächsten Tage verliefen ruhig. Jeden Morgen fand Christina neue Worte, um die Wohnung zu loben.
„Emilia, es ist hier wirklich gemütlich“, sagte die Schwägerin beim Frühstück immer wieder. „Der Schnitt ist einfach perfekt.“
„Ja, ich mag die Aufteilung auch sehr“, erwiderte Emilia und schenkte Tee in die Tassen.
Doch jedes Mal sahen Christina und ihr Mann einander vielsagend an. Diese stummen Blicke häuften sich. Emilia registrierte das merkwürdige Verhalten, erklärte es sich aber mit der Anspannung des Umzugs und dem Ärger wegen der kaputten Wohnung.
Am sechsten Morgen stand Emilia am Herd und bereitete Rührei zu. Alexander saß mit dem Handy in der Hand da und überflog die Nachrichten. Christina und Felix frühstückten langsam am Tisch. Alles wirkte wie ein ganz gewöhnlicher Familienmorgen, bis Christina plötzlich das Wort ergriff.
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