Zwanzig endlose Minuten später standen die ungebetenen Gäste mit prall gefüllten Taschen und Koffern im Flur.

„Merk dir das gut, Alex“, zischte Christina giftig. „Mama wird alles erfahren. Und glaub mir, das bleibt nicht ohne Folgen.“

Alexander zuckte nur mit den Schultern. „Dann ist es eben so.“

Die Wohnungstür fiel mit einem dröhnenden Knall ins Schloss. Danach blieben Emilia und Alexander allein zurück. Nach dem Lärm und den wütenden Stimmen wirkte die Stille beinahe körperlich, schwer und fremd.

Da durchschnitt ein schrilles Klingeln die Luft. Auf dem Display erschien der Name seiner Mutter.

Alexander nahm ab.

„Alexander!“, kreischte die Stimme am anderen Ende. „Wie kannst du es wagen, deine eigene Schwester vor die Tür zu setzen?“

Er schloss müde die Augen. „Mama, das ist eine Angelegenheit zwischen uns.“

„Zwischen euch?“, fuhr sie ihn an. „Christina weint! Sie sagt, ihr hättet sie wie einen Hund hinausgeworfen!“

„Wir haben niemanden hinausgeworfen“, entgegnete Alexander ruhig. „Wir haben nur klargemacht, dass man zu Besuch sein kann, aber nicht fremdes Eigentum an sich reißt.“

„Fremdes Eigentum?“, überschlug sich seine Mutter. „Schämst du dich nicht? Familie hilft einander!“

„Helfen ist etwas anderes als sich bedienen“, sagte er fest. „Christina wollte unsere Wohnung übernehmen.“

„Das ist gelogen!“, rief sie. „Meine Tochter würde so etwas nie tun! Sie brauchte nur ein Dach über dem Kopf!“

„Sie wollte die ganze Wohnung für sich“, stellte Alexander klar. „Und uns ins Ferienhaus abschieben.“

„Und was wäre daran so schlimm?“, gab seine Mutter empört zurück. „Junge Familien brauchen Platz!“

Alexanders Gesicht wurde unbeweglich. „Mama, dieses Gespräch ist beendet.“

„Wag es nicht aufzulegen!“, schrie sie. „Ich komme sofort zu euch und kläre das mit dieser…“

Alexander sah zu Emilia hinüber. Für einen Augenblick wurde sein Blick weich, fast entschuldigend. Dann drückte er ohne Zögern auf die rote Taste.

Emilia trat zu ihm, legte die Arme um seinen Körper und hielt ihn fest. In ihrer Brust breitete sich Wärme aus, vermischt mit tiefer Dankbarkeit. Alexander hatte sich entschieden — für ihr gemeinsames Leben, für ihre kleine Familie und für das Zuhause, das sie sich nicht hatten nehmen lassen.

„Die Küche gehört mir, mein Sohn gehört zu mir, und du wirst dich eben fügen“, sagte Elisabeth Winter und stellte mir einen leeren Teller vor die Nase. „Der Salat ist für die Familie. Für dich reicht die Beilage. Abends isst du doch sowieso kaum etwas.“

Am Tisch saßen Lukas Roth, seine Mutter, seine Schwester Lena Köhler und die Nachbarin aus dem dritten Stock, die Elisabeth Winter immer dann als „praktisch verwandt“ bezeichnete, wenn der Tisch besonders großzügig gedeckt werden sollte.