Laura blieb mit den Schlüsseln in der Hand stehen.

„Bestohlen? Genau das hat er gesagt?“

„Ja. Er meinte, Sie hätten einer kranken Frau das Auto weggenommen, und jetzt liege sie mit einem Herzanfall im Bett. Und außerdem hätten Sie ihre Sachen einfach auf den Asphalt geworfen. Ich habe noch gesagt: Daniel, Laura ist nicht so eine. Aber er hat nur abgewunken und ist gegangen.“

Laura atmete tief ein und ließ die Luft langsam wieder aus ihren Lungen.

„Frau Krüger, ich habe nichts gestohlen. Der Wagen gehört mir. Meine Eltern haben ihn mir geschenkt. Meine Schwiegermutter ist ein halbes Jahr damit gefahren, ohne dass ich ihr die Erlaubnis dazu gegeben hätte. Und ihre Sachen habe ich nicht weggeworfen, sondern nur zurückgegeben. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen die Unterlagen zeigen.“

Helga Krüger schlug entsetzt die Hände zusammen.

„Also so etwas! Und mir hat er die Ohren vollgesäuselt, als wäre er das unschuldige Opfer. Laura, halten Sie durch. Ich sage unseren Leuten im Haus, dass sie ihm kein Wort glauben sollen.“

Laura nickte nur und ging weiter zum Hauseingang. Trotzdem blieb in ihr ein bitterer Nachgeschmack zurück. Daniel hatte den ersten Schritt in einen offenen Krieg getan. Und allem Anschein nach dachte er nicht im Entferntesten daran, wieder aufzuhören.

Eine weitere Woche verstrich. Am Freitagabend klingelte ihr Handy. Es war ihre jüngere Schwester Mara Becker. Kaum hatte Laura den Anruf angenommen, platzte Mara mit vor Empörung bebender Stimme heraus:

„Hast du gesehen, was die in den sozialen Netzwerken verbreiten?“

Laura zog das Telefon näher heran und öffnete die Seite von Brigitte Weber. Dort prangte ein neuer Beitrag. Auf dem Foto saß Brigitte mit leidender Miene auf einer Bank vor dem Hauseingang, die Schultern eingesunken, das Gesicht so verzogen, als hätte man sie gerade vor die Tür gesetzt. Darunter stand: „So sieht also mein Leben aus. Die eigene Schwiegertochter hat mich auf die Straße geworfen. Das Auto hat sie mir weggenommen, die Schlüssel mir ins Gesicht geschleudert. Dabei habe ich sie geliebt wie eine Tochter. Tue den Menschen nichts Gutes, dann bekommst du auch nichts Böses zurück.“

Unter dem Beitrag hatten sich bereits rund dreißig Kommentare angesammelt. Frauen, deren Namen Laura noch nie gehört hatte, schrieben: „Halten Sie durch, liebe Brigitte“, „Gott sieht alles“, „Was für ein niederträchtiges Weib diese Schwiegertochter ist, verzeihen Sie den Ausdruck“.

Laura wurde es schwarz vor Augen. Sie schloss die App, legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und starrte eine Weile nur auf die Rückseite des Geräts.

Etwa eine Stunde später rief Daniel an.

„Hallo“, sagte er knapp.

Dann schwieg er.

Laura sagte ebenfalls kein Wort.

„Ich wollte… reden“, begann er schließlich. „Nicht am Telefon. Lass uns treffen. Irgendwo neutral.“

„Wozu?“

„Du siehst doch selbst, was los ist“, fuhr er fort. „Mama ist krank. Du hast sie vor allen Leuten bloßgestellt. Sie kommt kaum noch aus dem Bett. Die Ärzte sprechen von nervlicher Erschöpfung. Sie bereitet schon eine Klage gegen dich und deinen Vater vor. Sie sagt, du hättest sie angegriffen und ihr die Schlüssel ins Gesicht geworfen.“