Auf der Rückbank lagen fremde Einkaufstaschen, eine alte fleckige Strickjacke, zwei leere Limonadenflaschen und verstreute Papierzettel. Aus dem Innenraum schlug ihr ein Geruch nach Tabak und billigem Parfüm entgegen. Auf dem Beifahrersitz lagen Brigittes Handschuhe.
Ohne ein Wort begann Monika, die fremden Sachen herauszunehmen. Stück für Stück trug sie alles aus dem Wagen und legte es ordentlich auf den Asphalt neben die Haustür.
Thomas trat zu Laura und berührte sie leicht an der Schulter.
„Setz dich ans Steuer. Wir fahren nach Hause.“
Laura stieg ein. Das Lenkrad fühlte sich kalt und klebrig an. Sie sah zu ihrem Vater, der sich auf den Beifahrersitz setzte und den Gurt anlegte. Ihre Mutter nahm hinten Platz.
Laura startete den Motor, trat die Kupplung und fuhr langsam aus dem Hof. Im Rückspiegel sah sie, wie sich im dritten Stock ein Vorhang bewegte.
Zwei Tage vergingen. Daniel rief nicht an, schrieb keine Nachricht und tauchte auch nicht auf. Fast hätte Laura geglaubt, er sei einfach aus ihrem Leben verschwunden. Doch am Abend des dritten Tages klingelte es an der Wohnungstür. Als sie öffnete, stand Daniel davor. Er sagte kein Wort, ging an ihr vorbei ins Zimmer und hielt ihr einen zerknitterten Zettel hin.
„Lies.“
Laura überflog die Zeilen. „Du hast mich verraten. Du hast deine Eltern gewählt und nicht deine Familie. Du hast meine kranke Mutter gedemütigt. Ich gehe. Es wird eine Scheidung geben. Und eine Vermögensaufteilung. Ich habe Anspruch auf Entschädigung.“
Laura hob den Blick.
„Verschwinde.“
Daniel starrte sie überrascht an. Offenbar hatte er Tränen erwartet, Vorwürfe, Flehen, vielleicht eine Szene. Doch Laura sah nur schweigend an ihm vorbei. Da knallte er die Tür so heftig zu, dass der ganze Flur erzitterte.
Noch lange saß Laura anschließend in der Küche und betrachtete den zerknitterten Zettel. Die Handschrift gehörte Daniel, daran gab es keinen Zweifel. Aber der Text selbst stammte eindeutig von Brigitte Weber. Laura kannte diese Formulierungen viel zu gut. Sie faltete das Blatt in der Mitte zusammen und legte es in die Schublade des Küchentischs. In ihr war eine seltsame Leere. Kein Schmerz, keine Bitterkeit, sondern wirklich Leere, als hätte jemand ihr etwas Schweres und Sperriges aus der Brust genommen, etwas, das sie in den letzten Jahren am Atmen gehindert hatte.
Am nächsten Morgen fuhr Laura zur Arbeit. Der Hyundai stand sauber vor dem Haus. Am Abend zuvor hatte sie den Innenraum gründlich vom Tabakgeruch befreit, die fremden Handschuhe entsorgt und jeden Griff abgewischt. Jetzt roch das Auto nach ihrem eigenen Parfüm und nach Kaffee aus dem Thermobecher.
Als sie am Abend zurückkam und den Wagen auf dem Parkplatz abstellte, trat aus dem Nachbareingang ihre Nachbarin Helga Krüger heraus und winkte ihr aufgeregt zu.
„Laura, ich habe Sie gestern gesehen! Sie und Ihr Mann, Sie haben ja das ganze Treppenhaus zusammengeschrien. Ich war schon kurz davor, die Polizei zu rufen. Daniel hat gesagt, Sie hätten seine Mutter bestohlen. Ich habe es natürlich nicht geglaubt, aber er hat so überzeugend geredet.“