Das Taxi hielt vor einem alten fünfstöckigen Wohnhaus am Rand des Viertels. Im dritten Stock brannte Licht. Laura erinnerte sich daran, wie ihre Schwiegermutter vor einem halben Jahr zum ersten Mal um die Schlüssel gebeten hatte. „Nur für einen Tag, ich muss zum Arzt“, hatte Brigitte damals gesagt. Aus einem Tag waren zwei geworden. Dann eine Woche. Und irgendwann hatte Daniel beiläufig erwähnt, seine Mutter sei nun in der Versicherung eingetragen. Laura hatte nicht mehr widersprochen.
Thomas ging als Erster die Treppen hinauf. Er klingelte. Brigitte Weber öffnete beinahe sofort, als hätte sie schon hinter der Tür gewartet. Sie trug einen geblümten Morgenmantel und hielt ihr Telefon in der Hand. Offenbar hatte Daniel sie rechtzeitig vorgewarnt.
„Thomas Becker, was für eine Überraschung“, sagte sie und versuchte, die Lippen zu einem Lächeln zu ziehen. „Daniel hat angerufen. Er meinte, ihr hättet euch ein bisschen gestritten. Ach, das sind doch Kleinigkeiten, Familienthemen eben. Kommen Sie rein, ich setze Tee auf, dann reden wir in Ruhe über alles. Ohne Aufregung.“
„Die Autoschlüssel“, sagte Thomas gleichmäßig.
„Natürlich, sofort.“ Brigitte drehte sich zur Garderobe, machte einen Schritt und riss plötzlich die Tür wieder zu sich heran, offenbar in der Absicht, sie zuzuschlagen.
Thomas streckte die Hand aus und stemmte sie gegen den Türrahmen.
„Sparen Sie sich das Theater. Der Wagen gehört Laura. Sie benutzen ihn seit einem halben Jahr ohne ihre Erlaubnis. Nicht ein einziges Mal haben Sie sie gefragt. Geben Sie die Schlüssel freiwillig heraus, oder ich rufe die Polizei. Sämtliche Unterlagen habe ich bei mir.“
Brigittes Gesicht verzerrte sich. Mit einer ruckartigen Bewegung wandte sie sich ab, verschwand in der Wohnung und kam fast sofort zurück. In der geballten Faust hielt sie die Schlüssel. Ihre Augen waren vor Zorn weit aufgerissen.
„Da! Nimm sie doch!“
Sie schleuderte die Schlüssel direkt in Lauras Gesicht. Es war kein Versehen; sie zielte absichtlich. Das Metall traf Laura an der Wange und fiel klirrend auf den Boden. Monika stieß einen erschrockenen Laut aus. Thomas rührte sich nicht.
„Aber dein Mann wird dich verlassen, das kannst du dir merken!“, schrie Brigitte Laura hinterher, während diese sich bückte und die Schlüssel aufhob. „Eine anständige Ehefrau steht zu ihrem Mann! Und du? Du bist eine Egoistin! Ein Auto war dir zu schade für eine kranke Frau! Du solltest mir bis an dein Lebensende dankbar sein, dass ich meinen Sohn überhaupt habe dich heiraten lassen!“
Laura richtete sich wieder auf. Ihre Hände zitterten nicht. Sie sah ihre Schwiegermutter an, sagte aber nichts. Dann drehte sie sich um und ging die Treppe hinunter.
Monika folgte ihr sofort. Thomas blieb noch einen Moment stehen und beobachtete, wie Brigitte die Tür zuknallte. Erst dann ging auch er hinunter in den Hof.
Der Hyundai i30 stand direkt vor dem Eingang. Ein Reifen war deutlich zu weich, auf der Motorhaube zogen sich schmutzige Streifen entlang, und der rechte Außenspiegel hing schief. Laura schloss die Fahrertür auf und blieb wie versteinert stehen.