„Eigentümerin des Fahrzeugs ist Laura“, fuhr Thomas fort. „Nicht du. Und auch nicht deine Mutter.“

„Ja, schon, aber wir sind doch eine Familie. Das ist doch gemeinsames Eigentum, wir haben doch…“

„Es ist eine Schenkung“, unterbrach ihn Thomas Becker. Seine Stimme wurde härter. „Vermögen, das einem Ehepartner geschenkt wird, gehört nicht automatisch zum gemeinsamen ehelichen Besitz. Dieses Auto gehört ausschließlich Laura. Du und deine Mutter nutzt fremdes Eigentum ohne Zustimmung der Besitzerin.“

Daniel legte den Löffel zur Seite. Erst blickte er zu seiner Frau. Laura sah weiterhin auf die Tischdecke. Dann wandte er sich wieder an Thomas und versuchte zu lächeln. Es gelang ihm nicht richtig; der Ausdruck wirkte schief und angespannt.

„Jetzt machen Sie aber mal halblang, Thomas. Wir sind doch keine Fremden. Meine Mutter ist krank, sie braucht Hilfe. Das Herz, der Blutdruck, das wissen Sie doch. Und Laura sitzt meistens zu Hause, sie fährt sowieso kaum, sie hat doch selbst gesagt, dass sie Angst hinterm Steuer hat. Was soll daran schlecht sein? Ich versuche doch nur, es allen leichter zu machen. Und Sie reden gleich von fremdem Eigentum. Es geht hier um meine Mutter. Sie tun ja so, als wäre sie irgendeine dahergelaufene Person.“

Thomas stützte beide Hände auf die Tischkante.

„Du willst, dass meine Tochter schweigt“, sagte er. „Du willst, dass sie zu Fuß geht, während deine Mutter in einem Wagen herumfährt, für den ich einen Kredit aufgenommen habe und für den meine Frau ihren Schmuck verkauft hat. Erbstücke. Schmuck von meiner Großmutter.“

Stille senkte sich über die Küche, schwer und erstickend wie eine nasse Decke. Laura hörte, wie der Wasserkocher leise zu rauschen begann, und irgendwo im Flur tropfte ein Wasserhahn.

Thomas wandte sich seiner Tochter zu. Als er nun sprach, klang seine Stimme ruhiger, beinahe sanft, aber kein bisschen nachgiebig.

„Laura, zieh dich an. Wir fahren jetzt hin und holen dein Auto zurück.“

Laura erhob sich. Daniel sprang ebenfalls auf, griff nach seinem Handy und tippte hastig auf dem Display herum.

„Moment mal, ist das Ihr Ernst? Sie wollen mich vor meinen Schwiegereltern bloßstellen? Wegen irgendeiner Karre?“

„Das ist nicht irgendeine Karre“, antwortete Thomas, ohne sich zu ihm umzudrehen. „Das ist Lauras Eigentum. Mach dich fertig, mein Kind.“

Sie gingen zu dritt: Laura, ihr Vater und ihre Mutter. Daniel blieb in der Küche zurück. Erst als Laura bereits im Flur stand und ihren Mantel anzog, kam er hinterher. Er stellte sich nicht vor sie, sondern sprach ihr in den Rücken, leise, aber deutlich.

„Du hast deine Familie verraten. Merk dir das.“

Für einen Augenblick hielt Laura inne. Doch sie drehte sich nicht um. Thomas Becker öffnete die Wohnungstür und ließ seine Tochter zuerst hinausgehen.

Unten vor dem Haus wartete bereits das Taxi. Monika setzte sich auf die Rückbank, Laura neben sie, Thomas nahm vorn beim Fahrer Platz. Er nannte die Adresse von Brigitte Weber, und der Wagen fuhr los.

Während der ganzen Fahrt schaute Laura aus dem Fenster. Ihre Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt Lauras Hand fest umschlossen. Ihre Finger waren kalt.