
„Bei dir ist das eher irgendein Kompott.“ — Hannah Lehmann schob den Teller noch weiter weg und tippte mit dem Löffel gegen den Rand
Aufdringliche Kritik entwertet meine ganze hingebungsvolle Arbeit.
„Zu dünn“, sagte Hannah Lehmann, schob den Teller von sich weg und tippte mit dem Löffel gegen den Rand. „Ich habe dir doch erklärt: Rote Bete reibt man, man schneidet sie nicht in Stücke. Und Lorbeer hast du auch wieder zu viel hineingetan.“
Auf dem Herd stand der große Topf, aus dem der Borschtsch dampfte. Fünf Stunden zuvor war ich noch in völliger Dunkelheit aufgestanden, nur um es rechtzeitig zum Wochenmarkt zu schaffen und frisches Rindfleisch zu bekommen. Ich hatte in der Schlange gewartet, eine Markknochen-Scheibe ausgesucht, genau so, wie Michael Krause sie mochte. Danach hatte ich geputzt, geschnitten, die Rote Bete extra in Folie gebacken, damit sie ihre Farbe nicht zu früh an die Brühe abgab. Dreimal hatte ich abgeschmeckt. Salz immer nur in winzigen Mengen nachgegeben, kaum mehr als eine Messerspitze.
Und nun hieß es: zu dünn.
Ich bin Apothekerin. Sechs Tage in der Woche stehe ich hinter dem Tresen, berate Kunden, kontrolliere Rezepte, zähle Bestände nach. Der Samstag ist mein einziger freier Tag. Doch seit 2018, seit Hannah Lehmann in den Nachbarbezirk gezogen war, gehörten meine Samstage nicht mehr mir.
Jede Woche dasselbe. Viermal im Monat. Ohne Ausnahme, ohne vorherige Absprache, ohne die Frage, ob es mir überhaupt passte. Punkt zehn Uhr morgens kam sie an, setzte sich in unsere Küche und wartete auf das Mittagessen. Michael öffnete ihr die Tür, küsste sie auf die Wange und verschwand anschließend vor den Fernseher zum Fußball. Und ich kochte.

„Julia Engel, warum sagst du denn nichts? Ich meine es doch nur gut“, fuhr Hannah Lehmann fort und schob den Teller noch weiter weg, als hätte er sie persönlich beleidigt. „Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat Borschtsch gekocht, da blieb der Löffel drin stehen. Bei dir ist das eher irgendein Kompott.“
„Mama, es schmeckt doch“, murmelte Michael, ohne den Blick von seinem Teller zu heben. Er aß bereits. Schnell, schweigend, mit Brot, das er durch die Suppe zog.
„Dir schmeckt alles, du bist ja anspruchslos“, winkte Hannah Lehmann ab. „Ich dagegen bin nun einmal Qualität gewohnt.“
Ich blieb neben dem Herd stehen. Meine Schürze war mit roten Spritzern von der Bete übersät, meine Hände waren noch heiß vom Topf. Drei Stunden Arbeit steckten in diesem Essen. Die Markknochen-Scheibe hatte knapp fünf Euro gekostet. Die saure Sahne hatte ich extra auf dem Markt gekauft, hausgemacht.
Dann stand Hannah Lehmann auf, ging zum Herd und kippte ihre Portion zurück in den Topf. Nicht in die Spüle. In den Topf. Direkt vor meinen Augen.
„Noch nicht gar“, sagte sie völlig ruhig. „Das muss weiterkochen.“
Der Borschtsch hatte vier Stunden auf dem Herd gestanden. Die Rote Bete war weich, der Kohl glasig, die Kartoffeln zerfielen beinahe. Ich wusste, dass er fertig war. In der Apotheke baten mich Kolleginnen um genau dieses Rezept. Drei Frauen aus der Frühschicht hatten es sich sogar ins Handy gespeichert.
Trotzdem schwieg ich.
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