Geschichte
„Ich sage es jetzt zum dritten Mal: nein. Ende der Diskussion.“ Julia legte das Messer beiseite und wandte sich zu ihrem Mann um

„Ich sage es jetzt zum dritten Mal: nein. Ende der Diskussion.“ Julia legte das Messer beiseite und wandte sich zu ihrem Mann um

Das ist unfair, verletzend und erschütternd.

1 804 Leser 10 Seiten ~4 Min.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Julia Otto legte das Messer, mit dem sie gerade Gemüse schnitt, beiseite und wandte sich zu ihrem Mann um. „Ich sage es jetzt zum dritten Mal: nein. Ende der Diskussion.“

Leon Hartmann saß am Küchentisch und starrte auf sein Handy. Der oberste Knopf seines Hemdes war offen, die Krawatte steckte zerknittert in der Tasche seines Jacketts, das über der Stuhllehne hing. Erst nach einem Moment hob er den Blick. Seine Augen wirkten müde, rot geädert, als hätte er seit Tagen kaum geschlafen.

„Julia, warum musst du dich so querstellen?“ Seine Stimme klang erschöpft. „Meine Mutter bittet doch nur um Hilfe für ein halbes Jahr. Höchstens für ein Jahr. Sie zahlt alles zurück.“

„So wie beim letzten Mal?“ Julia schnaubte leise und griff wieder nach dem Messer. „Oder meinst du das Mal davor? Bei ihr gibt es doch ständig irgendeinen Notfall, Leon. Mal tropft das Dach, mal muss plötzlich ein Zahn gemacht werden, mal haben angeblich die Nachbarn die Wohnung unter Wasser gesetzt. Und merkwürdigerweise passiert alles immer ganz unerwartet. Wir haben fünf Jahre für diese Wohnung gespart. Fünf Jahre! Ich habe auf alles verzichtet. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt richtig Urlaub gemacht habe. Und jetzt schlägst du mir ernsthaft vor, dass wir das alles verkaufen, nur damit deine Mutter ihre Schulden begleichen kann? Und wohin sollen wir dann? Wieder zu deinen Eltern?“

Das Messer schlug nun schneller und härter auf das Schneidebrett. Aus den Tomaten wurden ungleichmäßige, zerquetschte Stücke.

„Du bist unfair“, sagte Leon und rieb sich über die Nasenwurzel. „Niemand spricht davon, dass wir zu meinen Eltern ziehen. Man könnte sich etwas mieten.“

„Wovon denn bitte?“ Julia fuhr herum und stützte beide Hände auf die Arbeitsplatte. „Nach dem Verkauf bleibt uns gerade genug, um die Schulden deiner Mutter zu bezahlen. Das weißt du genauso gut wie ich. Und danach? Wieder zehn Jahre sparen? Ich bin zweiunddreißig, Leon!“

Er verzog das Gesicht und sah zur Seite.

„Du übertreibst wie immer.“

„Ich?“ Julia zog ungläubig die Augenbrauen hoch. „Fünfzehntausend Euro sind also eine Übertreibung? Deine Mutter hat Kredite über fünfzehntausend Euro aufgenommen, und ich übertreibe?“

„Sie hat das nicht mit Absicht getan“, murmelte Leon. „Du weißt doch, wie schwierig es bei ihnen ist. Vater kann seit dem Schlaganfall kaum noch arbeiten. Die Rente reicht hinten und vorne nicht.“

„Und deshalb sollen wir unsere Zukunft für ihre Fehler opfern?“ Julia verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Schulden meiner Schwiegermutter sind nicht mein Problem. Ich werde unsere Wohnung nicht verkaufen, nur damit Andrea Böhm wieder ruhig schlafen kann. Das kann sie sich abschminken.“

Leon sprang so abrupt auf, dass der Stuhl über den Boden kratzte.

„Sie ist immerhin meine Mutter. Und sie hat uns immer geholfen.“

„Wann genau soll das gewesen sein?“ Julia lachte kurz auf, aber es klang nervös und bitter. „Als sie ständig anrief, um mir zu erklären, dass ich keine gute Ehefrau sei? Oder als sie bestimmen wollte, wo wir wohnen und welche Möbel wir kaufen? Vielleicht meinst du auch die Momente, in denen sie mir vorwarf, ihr keine Enkel zu schenken. Ja, wirklich großartige Hilfe.“

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