Leons Hände ballten sich zu Fäusten.

„Du hast überhaupt kein Herz“, presste er hervor. „Diese Frau hat jahrelang gearbeitet, um mich großzuziehen, und jetzt—“

„Und jetzt solltest du endlich anfangen, zu mir zu stehen, nicht zu ihr!“ Julia fiel ihm ins Wort. „Ich bin deine Familie, Leon. Ich! Aber du tust so, als würdest du noch immer an Mamas Rockzipfel hängen.“

In diesem Augenblick klingelte im Flur das Telefon. Beide wussten sofort, wer anrief. Andrea Böhm meldete sich fast jeden Abend gegen sieben, um zu erfahren, wie es ihrem geliebten Sohn ging, ob er gegessen hatte, ob er nicht zu müde von der Arbeit war. Leon warf seiner Frau einen finsteren Blick zu und verließ die Küche. Julia hörte seine gedämpfte Stimme aus dem Flur. Kurz darauf fiel die Wohnungstür so heftig ins Schloss, dass die Tassen im Schrank klirrten.

„Er benimmt sich wie der Laufbursche seiner Mutter“, sagte Hannah Lehmann, Julias beste Freundin, und schüttelte den Kopf. Dann nahm sie einen Schluck Kaffee. „Ich habe dir von Anfang an gesagt: Mit so einer Schwiegermutter wird eine Ehe zur Hölle.“

Sie saßen in einem kleinen Café unweit von Julias Büro. Draußen hing feiner Herbstregen in der Luft, die Passanten hasteten unter aufgespannten Schirmen vorbei. Hannah war der einzige Mensch, bei dem Julia alles aussprechen konnte, ohne sich zusammenreißen zu müssen.

„Ich hatte geglaubt, es würde besser werden, sobald wir die Wohnung haben“, sagte Julia mit einem schweren Seufzen. „Dass wir dann endlich unser eigenes Leben führen könnten. Und jetzt kommt diese Geschichte mit den Schulden.“

Hannah kniff die Augen zusammen.

„Bist du dir überhaupt sicher, dass diese Schulden wirklich existieren? Vielleicht ist das nur ein Trick, um euch wieder näher an sich heranzuziehen.“

Julia schwieg einen Moment. Andrea Böhm hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie mit der Wahl ihres Sohnes unzufrieden war. „Zu eigenständig“, hatte sie einmal über Julia gesagt. „Mit solchen Frauen ist es schwer. Sie können nicht nachgeben.“ Und außerdem erinnerte sie Leon bei jeder Gelegenheit daran, dass eine Mutter immer bleibe, während Ehefrauen kommen und gehen könnten.

„Ich weiß es nicht“, sagte Julia schließlich. „Leon hat Kontoauszüge gesehen. Da steht tatsächlich eine hohe Summe.“

„Und seit wann steckt sie da drin?“, fragte Hannah.

„Genau das ist ja der Punkt!“ Julia beugte sich vor. „Sie hat schon vor einem Jahr angefangen, Kredite aufzunehmen. Die ganze Zeit hat sie kein Wort gesagt. Und jetzt, wo Inkassobüros anrufen, fällt ihr plötzlich ein, dass es uns gibt.“

„Klassisch“, meinte Hannah trocken. „Und Leon?“

„Was soll mit Leon sein?“ Julia hob die Schultern. „Er hat seit drei Nächten nicht mehr zu Hause geschlafen. Angeblich bleibt er bei seiner Mutter, weil sie Unterstützung braucht.“

Hannah verdrehte die Augen.

„Und du lässt das einfach so laufen?“

„Was bleibt mir übrig?“ Julias Stimme wurde rau. „Soll ich gehen? Ihm ein Ultimatum stellen? Er hat seine Entscheidung doch schon getroffen. Offenbar ist seine Mutter ihm wichtiger.“