Leon erschien zwei Stunden später.
Er sah abgemagert aus, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Beim Eintreten wirkte er unsicher, fast wie ein Gast, der nicht wusste, ob er willkommen war. Sein Blick wanderte durch die Wohnung, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Hallo“, sagte er, ohne Julia direkt anzusehen. „Du wolltest mit mir sprechen?“
„Ja“, antwortete Julia und deutete zur Küche.
„Setz dich bitte.“
Leon ließ sich auf einen Stuhl sinken und legte die Hände auf die Tischplatte. Seine Finger trommelten unruhig gegen das Holz.
„Wenn es wieder um die Wohnung geht, dann…“
„Leon“, fiel Julia ihm ins Wort. Ihre Stimme klang leise, aber fest. „Deine Mutter hat keine Schulden.“
Er erstarrte. Zwischen seinen Brauen bildete sich eine tiefe Falte.
„Was redest du da?“
„Es stimmt“, sagte Julia. „Sie hat alles erfunden. Dein Vater war heute hier und hat es mir erzählt. Die Kontoauszüge waren gefälscht. Es gibt keine Kredite, keine Mahnungen, keine Inkassofirma. Nichts davon ist wahr.“
Leon sah sie an, als hätte sie eine fremde Sprache gesprochen. Unglaube stand in seinem Gesicht, doch darunter begann etwas Dunkleres aufzusteigen.
„Bist du verrückt geworden? Warum sollte sie so etwas tun? Und warum sollte mein Vater lügen? Julia, das ist doch völliger Unsinn.“
Julia holte tief Luft.
„Sie hat deine medizinischen Unterlagen gefunden“, sagte sie behutsam. „Sie weiß von der Diagnose. Und danach hat sie beschlossen, dass wir uns trennen müssen. Weil eine Ehe ohne Kinder für sie keine richtige Familie ist. Sie wollte, dass du zu ihr zurückkommst.“
Alle Farbe wich aus Leons Gesicht. Seine Hände begannen zu zittern.
„Nein“, flüsterte er. „Nein, das kann nicht sein. Du musst da etwas falsch verstanden haben.“
„Dann ruf deinen Vater an“, antwortete Julia. „Frag ihn selbst.“
Leon zog mit fahrigen Bewegungen sein Handy hervor und wählte. Das Gespräch dauerte nicht lange. Julia sagte kein Wort. Sie beobachtete nur, wie sich sein Gesicht veränderte: erst Abwehr, dann Fassungslosigkeit, schließlich ein Schmerz, der so offen war, dass sie kaum hinsehen konnte. Als er auflegte, standen Tränen in seinen Augen.
„Mein Gott“, brachte er hervor. „Wie konnte sie das tun? Meine eigene Mutter… Sie hat mein… mein…“
„Leon“, sagte Julia und berührte vorsichtig seine Hand. „Es tut mir so leid.“
Er riss seine Hand weg und sprang auf.
„Leid? Es tut dir leid?“ Seine Stimme bebte. „Meine Mutter hat mich belogen. Sie wollte unsere Ehe kaputtmachen. Und du… du hast ihr nicht einmal gesagt, was wirklich zwischen uns los ist. Dass wir es versucht haben. Dass wir bei Ärzten waren.“
„Du wolltest nicht, dass ich es erzähle!“, rief Julia. „Du hast gesagt, es sei deine Sache. Du wolltest selbst entscheiden, wann du mit ihr darüber sprichst.“
„Und du hast dich einfach daran gehalten?“ Leon lachte bitter auf. „Du hast gesehen, wie sie dich wegen der Kinder unter Druck setzt. Du hast gemerkt, wie sehr das zwischen uns steht. Und trotzdem hast du geschwiegen? Um meinen Stolz zu schonen? Oder damit du mir später genau das vorwerfen kannst?“