„Julia, was ist los?“

Seine Stimme füllte die Küche — gereizt, ungeduldig, als störe man ihn mitten in etwas Wichtigerem.

Ich hatte ihn seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr gehört.

Das letzte Mal hatte ich angerufen, um ihn an Jonas’ Geburtstag zu erinnern.

Er hatte nur „Ja, gut“ gesagt und danach nicht mehr zurückgerufen.

„Ich bin bei deiner Ex-Frau“, sagte Julia laut, beinahe demonstrativ. „Sie weigert sich zu unterschreiben. Rede du mit ihr.“

Es folgte eine Pause.

Im Hintergrund hörte ich leise einen Fernseher laufen.

„Julia, ich habe dir gesagt, du sollst das allein klären. Ich habe keine Kraft mehr für diese Frauengeschichten.“

Frauengeschichten.

Sein Sohn.

Sein Unterhalt.

Seine Schulden.

Und für ihn waren es Frauengeschichten.

Ich stand am Fenster, hielt die Tasse mit beiden Händen fest und sagte nichts.

Der Tee war längst kalt, aber ich stellte ihn nicht ab.

Ich brauchte etwas, woran ich mich festhalten konnte.

„Stefan, sie begreift es nicht“, sagte Julia, nun lauter. „Erklär es ihr vernünftig. Sag ihr, dass ihr euch geeinigt habt.“

„Hör zu, sag ihr einfach, sie soll unterschreiben. Ich habe diese ganze Dramatik satt. Wenn sie Geld will, soll sie arbeiten gehen. Ich bin müde davon.“

Er verlor kein einziges Wort über Jonas Lange.

Nicht ein einziges.

Er hatte nicht gefragt: „Wie geht es meinem Sohn?“

Er hatte nicht gesagt: „Grüß ihn von mir.“

Nicht einmal: „Ich unterstütze das Kind auf anderem Weg.“

Nur das eine: „Sag ihr, sie soll unterschreiben.“

Als wäre sein eigener Sohn nichts weiter als eine Klausel in einem Vertrag, die man bei Bedarf streichen konnte.

Dann hörte ich Schritte auf dem Flur.

Leise, nackte Füße auf dem Linoleum.

Jonas Lange stand in der Küchentür.

Er trug seinen Schlafanzug mit den kleinen Raketen darauf. Seine Haare standen vom Kissen in alle Richtungen ab, die Augen waren noch schwer vom Schlaf.

Sein Blick wanderte zu dem Telefon in Julia Steins Hand, aus dem gerade eben noch die Stimme seines Vaters gekommen war.

„Mama, ruft Papa an?“

Julia drehte sich zu ihm um.

Sie verstummte.

Für einen winzigen Moment huschte etwas über ihr Gesicht.

Es war keine Scham.

Nein. Eher Verwirrung.

Sie hatte nicht damit gerechnet, ein Kind zu sehen.

Sie war gekommen, um sich mit der „Exfrau“ anzulegen, nicht mit einer Mutter.

Ich stellte die Tasse auf den Tisch, ging zu Jonas und ging neben ihm in die Hocke.

„Das ist nicht Papa, mein Schatz. Die Frau hier wollte nur etwas besprechen. Geh wieder in dein Zimmer, ja? Ich komme gleich zu dir.“

Er sah Julia an.

Dann ihr Telefon.

Dann mich.

Schließlich nickte er und verschwand wieder.

Kurz darauf hörte ich das Rascheln seiner Bettdecke und die gedämpften Stimmen aus dem Zeichentrickfilm, der wieder anlief.

Ich schloss seine Zimmertür und blieb für einen Augenblick reglos im Flur stehen.

Meine Stirn lehnte ich gegen den Türrahmen.

Dann atmete ich aus und ging zurück in die Küche.

In mir war alles so schmerzhaft zusammengezogen, als hätte jemand einen festen Knoten um meine Brust gelegt.

Mein Sohn hatte gehört, wie sein Vater sagte, er sei diese „ganze Dramatik“ leid.