Sie sah es.

Und ihr Gesicht verlor jede Farbe.

Ich legte meine Hand auf die Mappe mit den Unterlagen.

Dann schlug ich sie auf.

Langsam. Genauso, wie ich Unterlagen öffne, wenn mir bei einer Besprechung ein Lieferant einen überhöhten Preis unterjubeln will.

Sicher.

Ohne Hast.

Jedes Blatt lag dort, wo es hingehörte.

„Hier.“ Ich drehte die erste Seite zu Julia. „Das ist die Zahlungsübersicht. Vierundzwanzig Monate. Eingegangene Beträge sind grün markiert. Ausgebliebene Zahlungen rot. Siehst du? Dreizehn rote Zeilen. Dreizehn Monate ohne eine einzige reguläre Zahlung.“

Julia starrte auf das Papier.

Ihre Fingernägel klopften nicht mehr auf den Tisch.

Ihre Hände lagen vollkommen still.

„Und hier.“ Ich blätterte weiter. „Das ist die Berechnung der Rückstände. Laut Gerichtsbeschluss muss er monatlich 154 Euro zahlen — fünfundzwanzig Prozent seines Einkommens. Dreizehn versäumte Zahlungen, abzüglich zweier einmaliger Überweisungen über jeweils 100 Euro. Eine zum Geburtstag von Jonas, eine zu Weihnachten. Der offene Betrag liegt bei 1.802 Euro.“

Ich sprach gleichmäßig.

Ohne Nachdruck.

Ohne Genugtuung.

Es waren nur Zahlen.

Tatsachen.

Wenn ich eines gut konnte, dann das: jede einzelne Einzelheit so ordnen, dass niemand mehr so tun konnte, als sei sie verschwommen.

Julia hob den Blick zu mir.

Die Selbstsicherheit, mit der sie meine Wohnung betreten hatte, war verschwunden.

In ihren Augen lag nun etwas anderes.

Verlegenheit.

„Wie viel?“, fragte sie leise. „Er hat gesagt, es wären vielleicht zweihundert Euro. Dreihundert höchstens.“

„Eintausendachthundertzwei Euro“, wiederholte ich. „Du kannst die Berechnung prüfen. In jeder Zeile stehen Datum und Betrag.“

Julia nahm das Blatt.

Ihre Finger zitterten leicht. Ganz anders als noch vor wenigen Minuten, als sie das vorbereitete Schreiben mit dieser kühlen Entschlossenheit aus ihrer Tasche gezogen hatte.

Ihre Augen flogen über die Zeilen.

Januar.

Februar.

März.

Rot.

Rot.

Grün.

Rot.

Wieder rot.

Ich konnte sehen, wie das Begreifen in ihr ankam.

Nicht auf einmal.

Eher langsam, Schicht für Schicht.

In ihrem Kopf setzte sich das Bild zusammen.

Es ging nicht um zweihundert Euro.

Es ging um eintausendachthundertzwei Euro.

Er schuldete seinem Sohn nicht bloß „ein bisschen“.

Er hatte eine Summe offen, die für viele Menschen einem halben Jahrespolster entsprach.

Julia wollte viertausend Euro für die Finanzierung einer Wohnung ansparen, und die eintausendachthundertzwei Euro, die Stefan Sommer seinem eigenen Kind vorenthielt, sollten angeblich nur eine unbedeutende Formalität sein.

Ich schlug die nächste Seite auf.

„Und das hier ist die Kopie meines Antrags bei der Vollstreckungsstelle“, sagte ich. „Hier steht das Aktenzeichen. Und hier das Datum: der sechste dieses Monats. Vor einer Woche. Das Verfahren läuft bereits.“

Julia hob den Kopf.

„Was bedeutet das?“

Ihre Stimme klang jetzt anders.

Dünner.

Leiser.

Fast brüchig.

Wo war die Frau geblieben, die vor nicht einmal einer Stunde mit klackenden Absätzen durch meinen Flur marschiert war, als gehöre ihr der Boden unter den Füßen?

„Das bedeutet“, antwortete ich ruhig, „dass in den nächsten zwei bis drei Wochen Auskünfte zu seinen Bankverbindungen eingeholt werden. Danach werden die Konten gepfändet, bis die gesamte Summe beglichen ist. Jedes Konto. Auch das, auf dem ihr Geld für die Anzahlung eurer Baufinanzierung sammelt.“