Ich empfand keinen Triumph.

Keine Genugtuung.

Nicht einmal Freude.

Da war nur Ruhe.

So, als hätte ich eine viel zu schwere Tasche viel zu lange getragen und sie endlich abstellen dürfen.

Julia stand abrupt auf.

Der Hocker schabte über den Küchenboden.

Sie griff nach ihrem Handy und wählte Stefan Sommers Nummer.

Ein Freizeichen.

Dann noch eins.

Diesmal ging er nicht sofort ran.

Das dritte.

Das vierte.

Erst beim fünften meldete er sich.

„Du hast mich belogen“, stieß Julia hervor, so hastig, dass sie die Worte beinahe verschluckte. Ihre Stimme bebte. „Zweihundert Euro, ja? Zweihundert? Hier liegen Unterlagen, Stefan. Eintausendachthundertzwei Euro! Die Vollstreckung ist schon eingeleitet! Die pfänden dein Konto! Welche Wohnung? Welche Finanzierung meinst du, wenn du sechs Monatsbeträge Unterhalt offen hast?“

Durch den Lautsprecher hörte ich seine Antwort nur als dumpfes Murmeln.

Leise.

Unverständlich.

Eine Erklärung.

Oder der Versuch davon.

Julia ließ ihn nicht ausreden.

Sie beendete das Gespräch, warf das Telefon in ihre Handtasche und versuchte, den Reißverschluss zuzuziehen.

Ihre Finger gehorchten ihr nicht.

Der Verschluss hakte.

Sie riss noch einmal daran, stärker diesmal, dann richtete sie sich auf und ging zur Wohnungstür.

Im Flur blieb sie stehen.

Erst dort drehte sie sich noch einmal zu mir um.

„Warum haben Sie mir das alles gezeigt?“

Ich stand im Türrahmen zur Küche, die Schulter gegen den Pfosten gelehnt.

Die Mappe lag noch offen auf dem Tisch.

„Weil du in meine Wohnung gekommen bist“, sagte ich. „In mein Zuhause. In die Wohnung, in der mein Kind geschlafen hat. Und du hast verlangt, dass ich auf Geld verzichte, das ihm gesetzlich zusteht. Nicht mir. Ihm. Einem siebenjährigen Jungen, der sich einen Schulranzen mit einer Rakete wünscht. Ich bin dir nichts schuldig, Julia. Und ich unterschreibe nichts.“

Sie öffnete die Tür.

Dann ging sie hinaus.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Danach wurde es still.

Ich blieb noch einen Moment im Flur stehen.

In der Luft hing immer noch der Geruch ihres Parfüms, süß und fremd.

Aus der Küche kam der Geruch von kaltem Buchweizen.

Aus Jonas Langes Zimmer war kein Laut zu hören.

Er schlief.

Ich ging zum Regal und nahm mein Telefon.

Auf dem Display stand, dass die Aufnahme siebenundvierzig Minuten und vierzehn Sekunden gedauert hatte.

Ich drückte auf Stopp.

Dann speicherte ich die Datei.

Zur Sicherheit schickte ich mir sofort eine Kopie per E-Mail.

Erst danach setzte ich mich auf den Hocker, auf dem Julia eben noch gesessen hatte.

Er war noch warm.

Ihr Schreiben, dieser Antrag auf Verzicht auf Unterhalt, lag immer noch auf dem Küchentisch.

Ich hob es vorsichtig mit zwei Fingern an, faltete es sauber zusammen und legte es ebenfalls in die Mappe.

Auch das konnte noch nützlich werden.

Gegen zehn Uhr abends erschien eine Benachrichtigung auf meinem Handy.

Eine Überweisung über vierhundertfünfzig Euro.

Von Stefan Sommer.

Ohne Nachricht.

Ohne Kommentar.

Zum ersten Mal seit sechs Monaten hatte er von selbst gezahlt, ohne Anruf, ohne Erinnerung, ohne dass ich ihm hinterherlaufen musste.