
„Geh, Sebastian Sommer.“ sagte sie ruhig und brach damit das alte Muster
Diese selbstgerechte Arroganz wirkt plötzlich lächerlich und feige.
— Mach dich schon mal darauf gefasst, dich bei mir zu entschuldigen. In einer Woche kommst du von ganz allein angekrochen, — sagte Sebastian Sommer und zog den Reißverschluss seiner Reisetasche zu.
Anna Lang stand an der Wohnungstür. Sie sah ihren Mann an, ohne diesen müden, beinahe automatischen Versuch, noch irgendetwas zu erklären, der ihr früher so vertraut gewesen war. Draußen hinter den Fenstern legte sich ein schwerer, heißer Juliabend über die Straße. In der Wohnung roch es nach warmem Holz, nach frischer Minze aus dem kleinen Topf in der Küche und nach Zitrone, mit der Anna Lang am Nachmittag die Arbeitsplatte abgewischt hatte.
— Du glaubst also wieder, ich würde Angst bekommen? — fragte sie ruhig.
Sebastian Sommer verzog spöttisch den Mund, warf sich die Tasche über die Schulter und nahm vom Schränkchen die Autoschlüssel.
— Du bekommst immer Angst. Am Anfang tust du nur so, als wärst du stolz.

Anna Lang legte den Kopf leicht schräg. Es wirkte, als betrachte sie nicht ihren Ehemann, sondern einen schlecht formulierten Vertrag, in dem die wichtigste Falle irgendwo im Kleingedruckten versteckt worden war.
— Diesmal hast du dich verrechnet.
— Natürlich, — schnaubte er. — Nach zwei Tagen schreibst du mir. Nach drei rufst du an. Und nach einer Woche erklärst du mir, du hättest überreagiert. Nur werde ich mir dann erst noch überlegen, ob ich überhaupt zurückkomme.
Er wartete sichtlich auf eine Reaktion. Er wollte, dass sie auffuhr, sich rechtfertigte, stritt, ihn zurückhielt. Früher war es genau so gelaufen. Sebastian Sommer hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, Anna Lang hatte zunächst geschwiegen, dann irgendwann nicht mehr ausgehalten und ihm vorsichtig eine Nachricht geschickt: „Lass uns reden.“ Danach war er mit der Miene eines Siegers zurückgekehrt, und das Gespräch hatte aus irgendeinem Grund jedes Mal damit geendet, dass sie sich schuldig fühlte.
Jetzt jedoch öffnete Anna Lang nur die Tür.
— Geh, Sebastian Sommer.
Für einen kurzen Augenblick erstarrte er. Mit dieser Leichtigkeit hatte er nicht gerechnet. Dann rückte er gereizt den Riemen seiner Tasche zurecht.
— Vergiss nicht, wer diesen Streit angefangen hat.
— Das vergesse ich nicht, — sagte Anna Lang. — Ich werde ab jetzt überhaupt sehr vieles nicht mehr vergessen.
Sebastian Sommer trat ins Treppenhaus hinaus. Anna Lang wartete, bis der Aufzug mit ihm nach unten gefahren war, und schloss dann leise die Tür. Sie knallte sie nicht zu. Sie lehnte auch nicht die Stirn dagegen. Und sie rannte nicht zum Telefon. Stattdessen drehte sie den Schlüssel im Schloss um, nahm seine Ersatzjacke vom Haken und legte sie ordentlich in die Tüte zu den anderen Sachen, die er nicht mitgenommen hatte.
Danach ging sie in die Küche, klappte den Laptop auf und rief den Kontoauszug der Bank auf.
Begonnen hatte alles am Morgen, als Anna Lang beschlossen hatte, die gemeinsamen Ersparnisse zu prüfen. Das Geld war für die Renovierung ihrer Wohnung gedacht gewesen. Diese Wohnung hatte Anna Lang schon vor der Ehe gehört. Sie hatte sie lange vor ihrer Begegnung mit Sebastian Sommer gekauft, damals, als sie als Technologin in einem Kosmetikbetrieb arbeitete und zusätzlich private Projekte übernahm. Nach der Hochzeit war ihr Mann zu ihr gezogen. Anfangs hatte er immer wieder betont, wie sehr er ihre Unabhängigkeit respektiere, dass er keinerlei Anspruch auf die Wohnung erhebe und im Grunde nur froh sei, dass sie ihr gemeinsames Leben nicht in einer Mietwohnung beginnen müssten.
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