Mit der Zeit war aus diesem Respekt jedoch Bequemlichkeit geworden.

Immer häufiger sprach Sebastian Sommer von „unserer“ Wohnung, obwohl sein Name in keinem einzigen Dokument stand und dort auch niemals stehen sollte. Er schlug vor, sie zu verkaufen und etwas Größeres zu kaufen, möglichst näher bei seiner Mutter. Anna Lang antwortete jedes Mal sachlich: Sie werde ihr Eigentum nicht veräußern. Wenn sie irgendwann gemeinsames Wohneigentum wollten, müssten sie gesondert darüber sprechen und alles sauber und fair regeln.

Sebastian Sommer war dann beleidigt, allerdings nie besonders lange. Bis sein Bruder Geld brauchte.

Sein jüngerer Bruder Moritz Huber lebte schon lange so, als sei die Welt verpflichtet, ihm jede scharfe Kante abzupolstern. Mal eröffnete er einen Lieferdienst für hausgemachte Mittagessen, ohne die Kosten für die Küchenmiete richtig berechnet zu haben. Mal kaufte er Geräte für eine Autowaschanlage, ohne vorher die Unterlagen für die Räume zu prüfen. Dann wieder stürzte er sich in die nächste „fast sichere“ Geschäftsidee und erschien jedes Mal bei der Familie mit demselben Gesichtsausdruck eines Menschen, der dringend gerettet werden musste.

Anna Lang hatte grundsätzlich nichts dagegen, zu helfen. Einmalig, vernünftig, nach gemeinsamer Absprache. Doch diesmal hatte Sebastian Sommer einen großen Teil der gemeinsamen Rücklagen an Moritz Huber überwiesen, ohne auch nur ein einziges Wort mit ihr darüber zu sprechen. Sie erfuhr davon zufällig, weil auf dem Gemeinschaftskonto noch eine Benachrichtigung über Kontobewegungen aktiviert war, die Sebastian Sommer zu deaktivieren vergessen hatte.

Als Anna Lang ihm den Auszug zeigte, begriff er nicht einmal sofort, weshalb sie so lange schwieg.

— Das ist mein Bruder, — sagte er, als würde dieses eine Wort jede Rechnung außer Kraft setzen. — Er steckt nur vorübergehend in Schwierigkeiten.

— Seine vorübergehenden Schwierigkeiten dauern jetzt schon das dritte Jahr.

— Fang nicht wieder an.

— Ich fange nicht an. Ich frage dich: Warum hast du unser Geld überwiesen, ohne es mit mir zu besprechen?

Sebastian Sommer fuhr sich genervt mit der Hand über den Hinterkopf.

— Weil das meine Familie ist.

— Und was bin ich?

— Verdreh mir nicht die Worte. Du weißt ganz genau, wie ich das meine.

— Ich weiß, dass du Geld genommen hast, das wir gemeinsam zurückgelegt haben, und es einem Menschen geschickt hast, der noch nie auch nur eine einzige Summe pünktlich zurückgezahlt hat.

— Er zahlt es zurück.

Anna Lang drehte den Laptop zu ihm herum.

— Wann?

— Hör auf, mich mit deinen Tabellen unter Druck zu setzen.

In diesem Moment sah sie ihren Mann zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr als nahestehenden Menschen, mit dem man streiten und am Ende doch eine Lösung finden konnte. Sie sah ihn als jemanden, der bewusst auf ihre Nachgiebigkeit setzte.

Es war kein Versehen gewesen. Er hatte nichts vergessen. Er war nicht in Panik geraten. Er hatte das Geld genommen, weil er sicher gewesen war, Anna Lang werde sich aufregen und am Ende dennoch nachgeben. Und falls sie nicht nachgab, würde er eben gehen — woraufhin sie ihn, wie immer, mit einem vertrauten Anruf zurückholen würde.