Nachdem er die Wohnung verlassen hatte, weinte Anna Lang nicht. Sie holte den Ordner mit den Unterlagen hervor, kontrollierte den Eigentumsnachweis für die Wohnung, den Ehevertrag, auf dessen Abschluss sie vor der Hochzeit bestanden hatte, und druckte den Kontoauszug aus. Den Ehevertrag hatte Sebastian Sommer damals ohne Widerstand unterschrieben. Er hatte sogar gelacht und gesagt, er brauche nichts, was ihm nicht gehöre. Anna Lang hatte sich diesen Satz gemerkt. Jetzt klang er nützlicher denn je.

In jener Nacht ging sie spät schlafen. Nicht, weil die Gefühle sie wach hielten, sondern weil sie einen klaren Plan mit den nächsten Schritten aufstellte.

Am Morgen, während die Stadt unter der Julisonne flimmerte, fuhr Anna Lang zur Bank. Dort entzog sie Sebastian Sommer den gemeinsamen Zugriff auf das Sparkonto und ließ nur noch die wirklich notwendigen Sicherheitsfreigaben bestehen.

Die Bankmitarbeiterin hob kurz den Blick und fragte vorsichtig nach, ob denn alles in Ordnung sei. Anna Lang gab keine Erklärung ab, die mehr verraten hätte als nötig.

„Es geht um die finanzielle Sicherheit der Familie.“

Mehr sagte sie nicht.

Anschließend ließ sie ein neues Konto ausschließlich auf ihren eigenen Namen eröffnen, überwies ihre persönlichen Rücklagen dorthin und bat um Kopien sämtlicher relevanter Kontoauszüge. Von der Bank aus fuhr sie direkt weiter zu der Anwältin, bei der sie sich vor Jahren schon einmal wegen eines Ehevertrags erkundigt hatte. Beatrice Schröder, eine nüchterne Frau mit schmalem Gesicht und einem Blick, der selten etwas übersah, blätterte zügig durch die Unterlagen.

„Keine Kinder, keine gemeinsame Immobilie“, stellte sie fest. „Wenn Ihr Mann einverstanden ist, wird das Verfahren überschaubar. Sollte er sich sperren oder wegen des Geldes Streit anfangen, müssen wir uns auf eine gerichtliche Auseinandersetzung einstellen. Die Überweisung an den Bruder sollten Sie sauber dokumentieren. Ist der Betrag aus gemeinsamen Ersparnissen abgeflossen?“

„Ja.“

„Dann prüfen wir, ob sich ein Teil davon als ohne Zustimmung entnommenes Familienvermögen zurückfordern lässt. Zuerst fordern Sie die Rückzahlung außergerichtlich. Schriftlich. Sachlich. Keine Vorwürfe, keine Gefühlsausbrüche.“

Anna verschränkte die Hände auf dem Schoß.

„Er ist überzeugt, dass ich spätestens in einer Woche um Verzeihung bitten werde.“

Beatrice Schröder nahm die Brille ab und sah über die Mappe hinweg zu ihr.

„Ausgezeichnet. Menschen, die sich sehr sicher fühlen, werden oft unachtsam.“

Der Satz gefiel Anna.

Als sie gegen Abend nach Hause kam, empfing sie die Wohnung mit einer ungewohnten Stille. Kein Fernseher lief, den Sebastian Sommer sonst gern als Geräuschkulisse eingeschaltet ließ. Im Flur standen keine achtlos abgestreiften Turnschuhe. Auf dem Küchentisch wartete keine Tasse, die er wie immer „später“ wegräumen wollte. Zum ersten Mal fiel Anna auf, wie viel Raum nicht seine Anwesenheit eingenommen hatte, sondern die ständige Erwartung seines nächsten Unmuts.

Sie begann, den Kleiderschrank auszuräumen. Nicht wütend, nicht hastig, nicht mit zerknüllten Hemden und theatralischen Gesten vor dem Spiegel. Sie arbeitete ruhig und sorgfältig. T-Shirts kamen in einen Sack, Sebastians Unterlagen in eine eigene Mappe, das Werkzeug, das er aus der alten Wohnung seiner Mutter mitgebracht hatte, in einen Karton. Auf jedes Paket klebte sie einen Zettel. Ordnung hatte ihr schon immer gelegen. Besonders dann, wenn andere damit rechneten, sie werde im Durcheinander versinken.