Am Abend schickte Sebastian ein Foto aus einem Café: eine Kaffeetasse, ein Stück Käsekuchen, der Rand seiner Hand mit der Uhr. Darunter stand nur: „Mir geht’s gut.“
Anna betrachtete das Bild, speicherte es aus reiner Gewohnheit zu den übrigen Belegen und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie bereitete das Konzept einer Ausstellung für die Eröffnung vor, stimmte mit einem Künstler den Transport der Werke ab und erstellte nebenbei eine genaue Liste von Sebastians Sachen. Wenn er gut lebte, sollte er gut leben. Es hatte nichts mehr mit ihr zu tun.
Am siebten Tag kehrte Sebastian Sommer zurück.
Er kam gegen neun Uhr abends, als die Hitze endlich nachgelassen hatte und es im Hof nach Staub und frisch bewässertem Rasen roch. Anna saß gerade am Tisch und ordnete die Unterlagen: den Entwurf für den Scheidungsantrag bei einvernehmlicher Trennung, das Schreiben wegen der überwiesenen Summe, die Aufstellung seines Eigentums und die ausgedruckten Kontoauszüge.
Zuerst versuchte er, die Wohnungstür mit seinem alten Schlüssel aufzuschließen.
Der Schlüssel drehte leer durch. Einmal. Dann noch einmal. Kurz darauf schrillte die Klingel.
Anna Lang ging zur Tür und sah durch den Spion.
Sebastian Sommer stand draußen auf dem Treppenabsatz, einen Strauß in der Hand. Die Sommerchrysanthemen wirkten matt und zerzaust, als hätte er sie hastig im letzten noch geöffneten Laden auf dem Heimweg gekauft. Sein Gesicht trug diesen selbstsicheren Ausdruck, den sie nur zu gut kannte, doch in seinen Augen flackerte bereits Ungeduld auf.
„Mach auf“, sagte er durch die geschlossene Tür.
Anna öffnete, blieb jedoch im Rahmen stehen und ließ ihn nicht eintreten.
„Mein Schlüssel passt nicht“, stellte Sebastian fest.
„Ich weiß.“
„Du hast das Schloss ausgetauscht?“
„Ja.“
Er stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus.
„Na, sieh mal einer an. Spielst du jetzt die unabhängige Frau?“
„Sebastian, die Wohnung gehört mir. Du bist gegangen und hast die Schlüssel nicht zurückgegeben. Also habe ich dafür gesorgt, dass meine Wohnung sicher ist.“
„Ich bin dein Mann.“
„Noch. Genau deshalb habe ich zwei Möglichkeiten vorbereitet. Entweder wir gehen gemeinsam zum Standesamt und reichen den Antrag in Ruhe ein, weil wir keine Kinder haben und die Wohnung nicht zur Aufteilung steht. Oder du weigerst dich, dann gehe ich vor Gericht. Und die Sache mit dem Geld, das du ohne meine Zustimmung an Moritz Huber überwiesen hast, klären wir gesondert.“
Der Blumenstrauß sank in seiner Hand ein Stück tiefer.
„Ist das dein Ernst?“
„Ja.“
„Ich war eine Woche bei meiner Mutter, und du willst gleich die Scheidung?“
„Du warst nicht einfach eine Woche bei deiner Mutter. Du benutzt dein Weggehen seit Jahren als Druckmittel. Früher habe ich dich nur selbst wieder in die Wohnung zurückgeholt. Diesmal tue ich es nicht mehr.“
Sebastian machte einen Schritt auf sie zu, doch Anna wich nicht zurück. Sie stand ruhig in der Türöffnung, aufrecht, in einem hellen Leinenhemd, die Haare zusammengebunden. Ihre Stimme zitterte nicht. Sie erklärte sich nicht, entschuldigte sich nicht, bat um nichts. Zum ersten Mal sah Sebastian vor sich nicht die gekränkte Ehefrau, die man mit Schweigen und Warten mürbe machen konnte, sondern einen Menschen, der seine Entscheidung bereits getroffen hatte.