„Lass mich rein“, sagte er nun härter.

„Nein.“

„Meine Sachen sind da drin.“

„Sie sind gepackt. Einen Teil bringe ich dir jetzt. Den Rest holst du zu einem vereinbarten Zeitpunkt ab.“

„Du kannst mir nicht verbieten, reinzukommen.“

„Doch, das kann ich. Du bist nicht Eigentümer dieser Wohnung. Gemeldet bist du hier auch nicht. Du hast hier als Familienangehöriger der Eigentümerin gewohnt, bist aber selbst gegangen. Wenn du das anfechten willst, tu es auf rechtlichem Weg. Ich rate dir nur, nicht zu versuchen, dich hier auf dem Flur mit Gewalt durchzudrängen.“

Ein Muskel zuckte in Sebastians Wange. Dumm war er nicht, das wusste Anna. Gerade deshalb rechnete er in diesem Moment sichtbar die Folgen durch. Einen Auftritt konnte er machen, natürlich. Aber hinter den Nachbartüren konnte längst jemand lauschen. Mitleid zu erzwingen funktionierte nicht. Die Blumen hatten ihre Wirkung verfehlt. Der Schlüssel war nutzlos. Das gewohnte Muster brach nicht dramatisch zusammen, sondern beinahe nüchtern, wie eine Liste, auf der ein Punkt nach dem anderen abgehakt wurde.

„Anna“, sagte er und änderte den Ton. „Jetzt reicht es. Ich war wütend. Du auch. Lass mich reinkommen, dann reden wir vernünftig.“

„Wir können hier reden. Oder in einem Café. Aber nicht in meiner Wohnung.“

„Das ist doch lächerlich.“

„Für mich nicht.“

Er musterte sie genauer.

„Du meinst das wirklich?“

„Ja.“

„Wegen Moritz?“

„Wegen dir.“

Anna holte die erste Tasche mit seinen Sachen und stellte sie neben die Tür. Danach ging sie zurück und brachte eine Kiste mit Werkzeug. Sebastian blieb stehen, den Strauß inzwischen kopfüber in der Hand. Im Treppenhaus roch es nach staubigem Beton und nach der warmen Luft, die von draußen heraufzog.

„Früher warst du nicht so“, sagte er leiser.

„Doch. Ich war nur damit beschäftigt, mich so klein zu machen, dass es für dich bequem blieb, es nicht zu merken.“

„Ich kann das Geld zurückholen.“

„Gut. Dann bitte mit schriftlicher Frist.“

„Ich rede mit Moritz.“

„Das hast du schon getan, als du ihm das Geld überwiesen hast.“

Sebastian presste die Finger so fest um die Blumenfolie, dass das durchsichtige Plastik knackte.

„Und wenn ich der Scheidung nicht zustimme?“

„Dann läuft es über das Gericht. Dauert länger, macht mir aber keine Angst.“

„Du bist kalt geworden.“

„Nein. Berechnend. Du hast mich dazu erzogen.“

Er öffnete den Mund, doch in diesem Moment kam Lena Meier aus dem dritten Stock die Treppe herauf, eine Einkaufstüte am Arm. Ihr Blick glitt über Sebastian, über die Taschen und Kartons, dann über Anna in der Tür. Sachlich fragte sie:

„Alles in Ordnung?“

„Ja“, antwortete Anna. „Mein Mann holt seine Sachen.“

„Wenn etwas ist, rufst du“, sagte die Nachbarin und ging weiter nach oben.

Sebastian lief rot an. Nicht auffällig theatralisch, sondern hässlich fleckig, am Hals und im Gesicht. Zeugen waren für ihn schlimmer als ein Streit. Vor anderen wollte er immer wie ein vernünftiger Mann erscheinen, den man bedauerlicherweise missverstanden hatte.

„Du blamierst mich“, zischte er.

„Du bist ohne Absprache gekommen und hast versucht, die Tür mit deinem alten Schlüssel zu öffnen.“