Dieser Satz riss ihm endgültig die vertraute Rolle unter den Füßen weg. Er hob den Strauß, als fiele ihm erst jetzt wieder ein, weshalb er ihn überhaupt mitgebracht hatte.

„Ich bin übrigens gekommen, um mich zu versöhnen.“

Anna sah auf die Blumen.

„Du bist gekommen, um zu prüfen, ob die alte Methode noch funktioniert.“

„Und es ist gar nichts mehr übrig?“

Diesmal antwortete Anna nicht sofort. Sie dachte wirklich darüber nach. War noch etwas da? Gewohnheit, ja. Erinnerungen, ja. Ein paar gute Jahre, die Reise nach Essen, ein albernes Foto an der Ruhr, Abende auf dem Balkon, an denen sie Wassermelone gegessen und über Filme gestritten hatten. All das hatte es gegeben. Aber eine schöne Vergangenheit löschte die Müdigkeit der Gegenwart nicht aus. Nicht die Erschöpfung neben einem Menschen, der jedes Mal ging, nicht weil er Ruhe brauchte, sondern weil er sie mit seiner Abwesenheit bestrafen wollte.

„Übrig geblieben ist Erkenntnis“, sagte sie schließlich. „Ich habe verstanden, dass ich nicht mit jemandem leben will, der meine Angst für sein Werkzeug hält.“

Sebastian legte den Strauß langsam auf die Kiste.

„Du wirst es bereuen.“

„Vielleicht. Menschen bereuen vieles. Aber dann ist es meine Entscheidung und nicht deine Manipulation.“

Er nahm zwei Taschen, ging jedoch nicht sofort. Erst blieb er noch stehen, als warte er darauf, dass Anna doch noch unsicher würde. Sie wurde es nicht. Schließlich wandte er sich ab und stieg die Treppe hinunter, demonstrativ, ohne den Aufzug zu rufen. Eine Minute später fiel unten die Haustür ins Schloss.

Anna trug den Strauß in die Wohnung, entfernte die Verpackung und warf die Blumen in den Mülleimer. Nicht, weil sie Chrysanthemen hasste. Sie wollte sie schlicht nicht aufbewahren.

Erst recht nicht als Andenken an einen missglückten Versuch, sich den Zugang in ihr Leben zurückzukaufen.

Am nächsten Tag schickte Sebastian Sommer ihr eine lange Nachricht. Darin steckte alles auf einmal: gekränkter Stolz, Vorwürfe, gemeinsame Erinnerungen, Versprechen, sich zu ändern, Klagen über ihre angebliche Härte und sogar ein eigener Absatz darüber, dass Moritz Huber das Geld selbstverständlich zurückzahlen werde, sobald es ihm möglich sei.

Anna Lang ließ sich auf den emotionalen Teil nicht ein. Sie antwortete knapp:

„Zur Scheidung: Bei deinem Einverständnis bin ich bereit, den Antrag über das Standesamt einzureichen. Zum Geld: Ich erwarte bis Freitag einen schriftlichen Rückzahlungsplan. Zu deinen Sachen: Den Rest kannst du am Samstag zwischen 12 und 14 Uhr abholen. Zutritt zur Wohnung gibt es nur mit meiner Zustimmung.“

Drei Minuten später kam seine Antwort:

„Du redest mit mir, als wäre ich ein Fremder.“

Anna tippte:

„Du hast selbst dafür gesorgt, dass ich vorsichtig werde.“

Dann legte sie das Handy weg.

Am Samstag erschien Sebastian mit Moritz. Offenbar hatte er gehofft, die Anwesenheit seines Bruders werde ihm Rückhalt geben. Doch Moritz begriff, kaum dass er Anna sah, dass es klüger war, sich ruhig zu verhalten. Er war weder bösartig noch dumm. Er war nur daran gewöhnt, sich irgendwie herauszuwinden. Anna hingegen wirkte wie jemand, der alle Ausreden bereits in eine gesonderte Spalte eingetragen und die passenden Antworten vorbereitet hatte.