„Anna, ich zahle alles zurück“, sagte Moritz und blieb an der Schwelle stehen. „Nicht sofort, aber ich zahle es zurück.“
„Fristen.“
Er zog ein gefaltetes Blatt aus der Tasche.
„Hab ich aufgeschrieben. So, wie du es wolltest.“
Anna nahm das Papier, überflog es und zeigte dabei weder Erleichterung noch Vertrauen.
„Unterschrift. Und Datum.“
Moritz sah zu Sebastian hinüber. Der schwieg. Also holte Moritz einen Stift hervor und setzte seine Unterschrift darunter.
Die übrigen Sachen packte Sebastian diesmal ohne jede Inszenierung zusammen. Anna half nicht, stellte sich ihm aber auch nicht in den Weg. Sie blieb bei der offenen Tür stehen, notierte, was hinausgetragen wurde, und hakte ihre Liste ab. Als Sebastian die letzte Kiste nahm, hielt er noch einmal inne.
„Vielleicht reden wir heute Abend doch noch?“
„Wir reden bereits.“
„Ich meine richtig. Ohne Listen und Anwälte.“
„Richtig hättest du reden müssen, bevor du das Geld überwiesen hast. Vor deinem nächsten Abgang. Vor dem Satz, ich würde schon angekrochen kommen und um Verzeihung bitten.“
Sebastian lachte leise, müde und gereizt zugleich.
„Willst du mir jetzt jedes Wort vorhalten?“
„Nein. Nur die entscheidenden.“
Er betrachtete sie einen Moment lang, beinahe mit Respekt, doch der Ärger blieb in seinem Blick.
„Ich dachte, du wärst weicher.“
„Das war ich. Bis man angefangen hat, es mit Schwäche zu verwechseln.“
Zwei Wochen später trafen sie sich vor dem Standesamt. Sebastian hatte schließlich zugestimmt, den Antrag gemeinsam einzureichen. Nicht aus Großmut, das wusste Anna genau. Er hatte nur berechnet, dass ein Verfahren mit Streit ums Geld und zusätzlichen Zeugen für ihn ungünstiger ausfallen konnte. Seine Berechnung war nicht verschwunden. Nur war Anna zum ersten Mal gründlicher gewesen als er.
Es war ein heißer Vormittag. Über dem Asphalt flimmerte die Luft. Neben dem Eingang ließ sich ein junges Paar mit den Eltern fotografieren. Die Braut lachte und hielt ihren Strauß fest, während der Bräutigam versuchte, ihren Schleier zu richten, und dabei immer wieder auf den Saum ihres Kleides trat. Anna sah ihnen ruhig zu. Der Anfang anderer Menschen tat ihr nicht weh. Jeder hatte seinen eigenen Weg.
Sebastian kam in einem hellen Hemd, ohne Blumen, ohne demonstrative Kränkung. Den Antrag gaben sie fast schweigend ab. Die Sachbearbeiterin fragte, ob minderjährige Kinder vorhanden seien oder ein Vermögensstreit bestehe, der der einvernehmlichen Auflösung im Weg stehe. Anna antwortete klar. Sebastian nickte. Wegen des Geldes lag inzwischen eine separate schriftliche Vereinbarung mit Moritz vor, und Anna hatte sich ausdrücklich vorbehalten, weitere Schritte einzuleiten, falls die Fristen nicht eingehalten würden.
Draußen blieb Sebastian neben ihr stehen.
„Weißt du, ich finde immer noch, dass du übertrieben hart bist.“
Anna setzte ihre Sonnenbrille auf.
„Und ich finde, dass ich zum ersten Mal rechtzeitig gehandelt habe.“
„Hast du wirklich keine Angst, allein zu sein?“
Sie sah ihn an. Früher hätte diese Frage genau jene alte Unsicherheit getroffen, die er kannte. Jetzt klang sie fast befremdlich.