„Ich habe Angst, noch ein paar Jahre falsch zu verschwenden.“
Sebastian sagte nichts mehr. An der Kreuzung trennten sich ihre Wege: er ging zum Parkplatz, sie zur Haltestelle. Anna hätte ein Taxi rufen können, doch ihr war danach, auf der schattigen Straßenseite ein Stück zu Fuß zu gehen. Der Sommer war grell, laut und rücksichtslos lebendig. An einem Kiosk wurde kaltes Wasser verkauft, vor einem Blumenladen standen Eimer mit Gladiolen, und aus der offenen Tür einer Bäckerei zog der Duft von warmem Teig und Zimt.
Die Stadt machte weiter, als zerbrächen keine Ehen, als sortiere niemand sein Leben in Taschen und Kartons, als müsste niemand neu lernen, die eigene Wohnungstür ohne Angst hinter sich zu schließen.
Am Abend kehrte Anna in ihre Wohnung zurück. Sie gehörte ihr nun nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Gefühl. Sie ging durch die Zimmer, prüfte die Fenster und legte die Mappe mit den Unterlagen in eine Schublade. Dann öffnete sie den Kühlschrank, holte eine Wassermelone heraus, schnitt sich ein Stück ab und trat damit auf den Balkon.
Unten im Hof jagten Jugendliche einem Ball hinterher. Der Nachbar aus der Wohnung darunter stritt am Telefon mit jemandem über die Lieferung eines Schranks. Auf einer Bank unterhielten sich zwei Frauen über ihren Urlaub. Ganz gewöhnliches Sommerleben. Ohne große Schwüre. Dafür mit Platz für Stille, Ordnung und eigene Entscheidungen.
Ihr Handy leuchtete auf. Moritz hatte die erste Rate zur Rückzahlung der Schuld überwiesen. Kurz danach kam eine Nachricht von Sebastian:
„Ich hätte nicht gedacht, dass du das wirklich bis zum Ende durchziehst.“
Anna blickte auf den Bildschirm und lächelte schmal.
Sie antwortete nicht sofort. Erst aß sie die Wassermelone auf, wusch sich die Hände, legte das Messer ordentlich in den Abtropfständer und griff dann wieder nach dem Telefon.
„Genau das war dein größter Fehler“, schrieb sie.
Mehr fügte sie nicht hinzu.
Denn Sebastian hatte sich tatsächlich verrechnet. Er hatte geglaubt, aus der Wohnung zu gehen, um seine Frau zu bestrafen. In Wahrheit hatte er ihr die seltene Gelegenheit gegeben zu hören, wie ruhig ein Zuhause werden kann, sobald ein Mensch daraus verschwindet, der seine Anwesenheit wie eine Ware behandelt.
Und nachdem Anna diese Stille einmal gehört hatte, wollte sie sie nicht mehr gegen Drohungen, Kontrollen und fremde Schulden eintauschen.