
„Frau Schubert, bitte geben Sie mir bis Freitag Bescheid, ob wir den Vertrag verlängern. Es gibt weitere Interessenten.“ las sie und erstarrte vor dem möglichen Verlust ihrer Wohnung
Die kleine Beförderung fühlte sich schmerzhaft ungerecht an.
Franziska Schubert verließ das Bürgeramt als Letzte. In den Fensterscheiben des benachbarten Finanzamts spiegelten sich bereits die Straßenlaternen, und hinter ihr drehte der Wachmann den Schlüssel in der gläsernen Eingangstür um.
In ihrer Tasche steckte die Verfügung über ihre Ernennung zur Leiterin des Sachgebiets. Der Mann aus der Personalabteilung hatte ihr knapp gratuliert, ihre Vorgesetzte hatte ihr die Hand gedrückt und im selben Atemzug an die zusätzlichen Aufgaben erinnert. Trotzdem ging Franziska die Stufen hinunter, als hätte man ihr einen unsichtbaren Stab in den Rücken gelegt.
Sie war zweiundvierzig. Fast zehn Jahre lang war sie mit Aktenordnern von Büro zu Büro gelaufen, hatte kranke Kolleginnen vertreten, war nach Dienstschluss geblieben und hatte noch mit Besuchern gesprochen, die fünf Minuten vor Ende der Öffnungszeit aufgetaucht waren. Nun sollte an einer Tür ein Schild mit ihrem Namen hängen.
Der Erste, dem sie davon erzählen wollte, war Anton Krüger. Nicht ihre Schwester, nicht die Kolleginnen, nicht einmal die Nachbarin, mit der sie beinahe jeden Abend Nachrichten austauschte. Ihr Mann.
An der Haltestelle hatte die kleine Konditorei noch geöffnet. Franziska kaufte eine Honigtorte mit Nüssen, genau die, die Anton zu Feiertagen meistens aussuchte. Die Verkäuferin schob die Schachtel in eine feste Tragetasche und bat sie, den Kuchen möglichst gerade zu halten.

Im Bus stellte Franziska die Torte vorsichtig auf ihre Knie und holte das Handy hervor. Sie wollte Anton schreiben, dass sie bald zu Hause sei, löschte den angefangenen Satz jedoch wieder. Dabei fiel ihr eine Nachricht von Sabine Lange auf, der Vermieterin.
„Frau Schubert, bitte geben Sie mir bis Freitag Bescheid, ob wir den Vertrag verlängern. Es gibt weitere Interessenten.“
Seit drei Jahren wohnten sie in dieser Zweizimmerwohnung. Gefunden hatte Franziska sie, die Kaution war aus ihren Ersparnissen gekommen, und auch der Mietvertrag lief allein auf ihren Namen. Anton versprach jeden Monat, seinen Anteil zu überweisen, doch zuverlässig geschah das nicht. Wenn er keine Aufträge hatte, zahlte Franziska die komplette Miete selbst.
Dass sein Name nicht im Vertrag stand, kränkte ihn.
„Ich lebe hier wie ein geduldeter Gast“, sagte er nach fast jedem Streit.
Franziska hatte mehrfach vorgeschlagen, ihn bei der nächsten Verlängerung eintragen zu lassen. Anton winkte dann nur ab. Er werde doch keine fremde Vermieterin um Erlaubnis bitten, meinte er, außerdem hätten sie bald etwas Eigenes.
Vor einer Woche hatte er einen Werbeprospekt einer Bank auf dem Küchentisch liegen lassen. Mit Kugelschreiber war die Zeile zum Familieneinkommen umkreist. Als Franziska nachfragte, erklärte er, er vergleiche bloß die Zinssätze.
Vor dem Hauseingang flackerte die Lampe. Der Aufzug hing im neunten Stock fest, also nahm Franziska die Treppe. Während sie Stufe um Stufe hinaufstieg, legte sie sich im Kopf zurecht, wie sie ihre Neuigkeit erzählen würde.
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