
„Nenn mir einfach die Zahlen, ich tippe sie selbst ein! Warum klammerst du dich an das Ding, als wäre es ein Goldbarren?“ Claudia streckte empört den Arm quer über den Esstisch, Emilia steckt ihr Telefon in die Jackentasche und verweigert den Code
Geheimniskrämerei wirkt feige und zutiefst verletzend.
„Nenn mir einfach die Zahlen, ich tippe sie selbst ein! Warum klammerst du dich an das Ding, als wäre es ein Goldbarren?“ Claudia streckte empört den Arm quer über den Esstisch und hätte dabei beinahe die Sauciere umgestoßen. „Ich muss dringend nachsehen, wann morgen meine Bestellung aus der Apotheke geliefert wird. Mein Handy ist leer. Sag mir den Code, dann öffne ich deine Liefer-App!“
Emilia legte die Gabel langsam an den Rand ihres Fayencetellers. Das sonntägliche Familienessen, zu dem sie und ihr Mann unvorsichtigerweise seine Mutter eingeladen hatten, verwandelte sich wieder einmal in eine Geduldsprobe. Emilia war zweiundvierzig. Sie führte ein eigenes Studio für Pflanzendesign, begrünte Geschäftsräume und entwickelte aufwendige vertikale Gartenanlagen für Büros und Restaurants. Ihre Arbeitstage bestanden aus Lichtberechnungen, Gesprächen mit Lieferanten seltener Farne, Kontrollen der Bodenfeuchtigkeit und dem Unterzeichnen umfangreicher Verträge. Ihr Smartphone war für sie kein Spielzeug, sondern das wichtigste Arbeitsgerät: Darin befanden sich Zugänge zu Geschäftskonten, Korrespondenzen mit großen Kunden und interne Datenbanken.
„Claudia, ich kann den Status Ihrer Bestellung gern selbst prüfen“, sagte Emilia ruhig, nahm ihr Telefon vom Tisch und steckte es in die Tasche ihrer häuslichen Strickjacke. „Sagen Sie mir nur die Bestellnummer. Den Code meines Handys gebe ich nicht weiter. Das ist vertraulich. Darauf sind Banking-Apps, die Kasse meines Studios und Unterlagen.“
Claudia schnappte theatralisch nach Luft und ließ sich gegen die Stuhllehne fallen. Ihr Gesicht, das in Gesellschaft sonst gepflegt und freundlich wirkte, nahm den Ausdruck tiefster Kränkung an.
„Vertraulich? Vor wem denn? Vor der Mutter deines Mannes?“ Ihre Stimme schnellte eine Oktave höher und füllte die Küche mit schrillen Tönen. „In unserer Familie gibt es keine Geheimnisse und es darf auch keine geben! Anständige Leute schreiben ihre Handy-Passwörter auf einen Zettel und hängen ihn an den Kühlschrank, damit Angehörige im Notfall herankommen. Aber du versteckst alles. Also hast du deinem Mann offenbar etwas zu verbergen!“

„Mama, hör mit dieser Vorstellung auf“, mischte sich Lukas ein und schob seinen Teller mit dem gebackenen Fleisch ein Stück von sich. Emilias Mann arbeitete als Konstrukteur und entwarf tragende Strukturen für Einkaufszentren. Er war ruhig, vernünftig und stellte sich stets hinter seine Frau. „Niemand verheimlicht mir irgendetwas. Ich kenne Emilias Handycode auch nicht, weil ich ihn nicht brauche. Das ist ihr privater Gegenstand und zugleich ihr Arbeitsmittel. Willst du jetzt wirklich etwas über die Apotheke wissen, oder suchst du nur einen Grund für Streit?“
„Ich wollte doch nur helfen!“ Claudia tupfte sich mit einer Papierserviette die Augenwinkel ab. „Ihr entfernt euch immer mehr von mir. Kein bisschen Vertrauen mehr in die ältere Generation.“
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