Mit einem schweren Seufzer begann sie, lustlos im Salat herumzustochern, und zeigte mit jeder Geste, wie grenzenlos verletzt sie war. Emilia zählte innerlich lediglich bis zehn. Das Thema überschrittener Grenzen begleitete ihre Ehe seit allen zehn gemeinsamen Jahren. Ihre Schwiegermutter war aufrichtig davon überzeugt, ein Recht auf jede Information zu haben: wie viel Lukas’ neue Winterreifen gekostet hatten, zu welchem Preis Emilia Dünger für ihre Gewächshäuser kaufte und warum sie ausgerechnet jetzt eine neue Waschmaschine anschaffen wollten und nicht erst im nächsten Jahr.
Ein besonders empfindlicher Punkt auf Claudias Liste war das Geld. Der Grund dafür hieß Felix, Lukas’ jüngerer Bruder, dreiunddreißig Jahre alt. Felix hielt sich für ein verkanntes Investmentgenie. Geregelte Arbeit lehnte er ab, stattdessen stürzte er sich unablässig in zweifelhafte Geschäfte mit dem Weiterverkauf von Waren aus China, handelte mit Kryptowährungen und verlor in schöner Regelmäßigkeit alles. Seine Schulden landeten zunächst bei der Mutter, die wiederum versuchte, diese ehrenvolle Last auf den älteren Sohn abzuwälzen. Zu Beginn ihrer Ehe hatte Lukas die Kredite seines Bruders mehrmals beglichen, doch nach einem unmissverständlichen Ultimatum seiner Frau beendete er diese Wohltätigkeit. Seitdem suchte Claudia nach jeder erdenklichen Möglichkeit, die Einkünfte der Familie ihres älteren Sohnes im Blick zu behalten.
Am folgenden Tag stand Emilia wieder in ihrer Orangerie.
Der Raum war von feuchter, wohliger Wärme erfüllt. Es roch nach Torf, Sphagnum-Moos und dem frischen Grün kräftiger Pflanzen. Zwei Mitarbeiter hoben mit größter Vorsicht riesige Geigenfeigen in bodentiefe Pflanzkübel aus architektonischem Beton um. Emilia stand an einem Metallregal und ging die Lieferscheine durch. Die Geschäfte liefen besser denn je. Erst in der vergangenen Woche hatte sie die Ausschreibung für die Begrünung eines neuen Coworking-Zentrums gewonnen, und auf dem Geschäftskonto ihres Einzelunternehmens war bereits eine stattliche Anzahlung von rund 30.000 Euro eingegangen. Dieses Geld war fest verplant: für seltene Sorten konservierten Mooses und moderne automatische Bewässerungssysteme.
Gegen Abend meldete sich Lukas bei ihr.
„Emilia, ich komme heute später von der Baustelle weg“, sagte er. „Ich muss das Fundament noch einmal kontrollieren. Könntest du bei meiner Mutter vorbeifahren? Ich habe ihr gestern ein neues Blutdruckmessgerät gekauft. Sie hatte darum gebeten. Es liegt im Auto auf der Rückbank. Bring es ihr bitte vorbei, ja? Seit heute Morgen ruft sie mich pausenlos an und klagt über ihren Blutdruck.“
„Natürlich“, antwortete Emilia ohne Zögern. „Ich bin in etwa einer Stunde bei ihr.“
Sie stellte den Wagen vor dem alten neunstöckigen Plattenbau ab, nahm die Tüte mit dem medizinischen Gerät an sich und ging hinauf in den vierten Stock. Die Wohnungstür ihrer Schwiegermutter stand einen Spalt offen. Offenbar war Claudia kurz zum Müllraum gegangen und hatte das Schloss danach nicht richtig einrasten lassen. Emilia schob die Tür leise auf und trat in den engen Flur, in dem es nach Herzmitteln und angebratenen Zwiebeln roch.