Schon wollte sie nach Claudia rufen, als aus dem Wohnzimmer eine gedämpfte Männerstimme zu ihr drang. Es war Felix.
„Mama, begreif doch endlich, dass ich am Ende bin!“, stieß er hervor. „Gestern haben die Inkassoleute beim Chef meiner Exfreundin angerufen! Die finden mich, und dann brechen sie mir die Beine! Ich brauche die 3.000 Euro sofort, eigentlich schon gestern. Wenn nicht, laufen die Zinsen so weiter, dass uns am Ende diese Wohnung weggenommen wird!“
Emilia blieb wie angewurzelt stehen und presste die Tüte unwillkürlich an sich.
„Sei still, brüll hier nicht so herum!“, zischte Claudia zurück. „Ich tue, was ich kann. Gestern habe ich die ganze Mittagspause lang versucht, dieser eingebildeten Person das Passwort für ihr Handy zu entlocken. Hätte sie nur einmal den Bildschirm entsperrt und mir das Telefon für eine Minute in die Hand gedrückt, wäre ich sofort in ihre Banking-App gekommen.“
„Und was hättest du in einer Minute groß machen wollen?“, fuhr Felix sie gereizt an.
„Mehr als du denkst“, erwiderte Claudia mit selbstgefälligem Unterton. „Lukas hat sich neulich verplappert. Auf ihrem Konto liegen gerade 30.000 Euro, irgendeine Anzahlung für ihre Büsche und Töpfe. Wenn man den Handycode kennt, ist das Bankpasswort oft dasselbe. Oder die App öffnet sich gleich über Gesichtserkennung. Ich hätte einfach per Telefonnummer 5.000 Euro auf dein Konto überwiesen. Bei der Summe auf ihrem Konto hätte sie das nicht einmal sofort bemerkt. Danach hätten wir behauptet, es sei ein Fehler der Bank gewesen oder irgendwelche Betrüger hätten sich Zugang verschafft. Bis sie alles geklärt hätte, wärst du deine dringendsten Schulden los gewesen, und später hätten wir es ihr nach und nach zurückgegeben.“
„Mama, das ist strafbar. Sie würde Anzeige erstatten“, sagte Felix. Seine Stimme schwankte, doch nicht aus Scham, sondern aus Angst vor den Folgen.
„Ach, was für eine Anzeige denn!“, schnaubte Claudia verächtlich. „Nur weil sie jetzt Geschäftsfrau spielt? Eine kalte, berechnende Chefin, die den ganzen Tag nur Zahlen im Kopf hat und für die eigene Verwandtschaft keinen Finger krümmt. Wir sind Familie. Lukas hätte sie schon beruhigt. Der hätte nie zugelassen, dass sie die Sache weiterverfolgt. Wichtig war nur, an dieses verdammte Passwort zu kommen. Aber sie hat sich ja an ihrem Apparat festgekrallt, als hinge ihr Leben daran. Dann müssen wir eben anders vorgehen. Wir setzen Lukas unter Druck, über Mitleid. Wir sagen ihm, bei mir stehe eine kostenpflichtige Operation an.“
Ein widerlicher, klebriger Schauer kroch Emilia den Rücken hinab. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Der gestrige Auftritt wegen der Apothekenlieferung war nichts weiter gewesen als eine billige Tarnung. Die Mutter ihres Mannes und sein Bruder hatten in aller Ruhe, Schritt für Schritt, geplant, eine erhebliche Summe von ihrem Geschäftskonto zu stehlen. Und sie rechtfertigten es damit, dass Emilia angeblich ohnehin genug habe und ein paar Tausend Euro mehr oder weniger ihr nicht wehtun würden. Dass sie damit ihren Auftrag gefährdeten, Vertragsfristen platzen lassen und Strafzahlungen auslösen konnten, spielte für sie keine Rolle. Hauptsache, Felix’ nächste Schulden wurden irgendwie gestopft.