Vor Zorn schnürte es Emilia die Kehle zu. Ihr Blick fiel auf das kleine Schränkchen im Flur. Dort lag auf einem Stapel alter Zeitungen ein Bündel ausgedruckter Schreiben mit roten Stempeln: „AUẞERGERICHTLICHE MAHNUNG“. Alle waren an Felix adressiert.

Emilia griff lautlos nach ihrem Handy – genau nach jenem Gerät, dessen Zugangscode Claudia so verzweifelt hatte herausbekommen wollen. Ohne ein Geräusch zu machen, öffnete sie die Kamera und fotografierte die Schreiben eines nach dem anderen. Sie achtete darauf, jedes Blatt so nah aufzunehmen, dass sowohl die geforderten Beträge als auch die Namen der Inkassofirmen deutlich zu erkennen waren.

Danach stellte sie die Tüte mit dem Blutdruckmessgerät behutsam auf das Flurschränkchen zurück. Kein Rascheln, kein unnötiger Laut. Dann trat sie hinaus ins Treppenhaus und zog die Wohnungstür hinter sich zu, bis das Schloss leise, aber eindeutig einrastete.

Am Abend, als sie wieder zu Hause war, machte Emilia keine Szene. Sie schrie nicht, stellte keine Fragen zwischen Tür und Angel und warf Lukas auch nichts vor. Sie wartete, bis er nach der Arbeit geduscht hatte und sich an den Küchentisch setzte. In der Küche brannte ein warmes, gelbliches Licht, und der Duft von frisch aufgebrühtem Thymiantee hing in der Luft.

Emilia stellte ihm wortlos den Teller hin, setzte sich ihm gegenüber und legte ihr Handy auf den Tisch. Auf dem Display war bereits die Galerie geöffnet. Die Fotos der Mahnschreiben füllten den Bildschirm.

Lukas beugte sich vor und kniff die Augen zusammen.

„Was ist das?“

Mit einer Ruhe, die sie selbst beinahe erschreckte, erzählte Emilia ihm alles. Ohne Tränen, ohne Zittern, ohne hysterischen Unterton. Sie sprach langsam, beinahe schneidend deutlich. Sie berichtete von dem Gespräch, das sie in der Wohnung seiner Mutter mitgehört hatte. Von dem Plan, fünftausend Euro zu überweisen. Von der Idee, den Verlust später angeblichen Betrügern anzuhängen. Und davon, dass Claudia offenbar fest davon ausgegangen war, Lukas werde seine Frau schon dazu bringen, eine Anzeige bei der Polizei zurückzuziehen.

Während Emilia sprach, veränderte sich Lukas’ Gesicht. Zuerst lag nur Erschöpfung darin, die gewöhnliche Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag. Dann kam Verwirrung. Danach blankes Entsetzen. Und schließlich etwas Kaltes, Hartes, Brennendes: Zorn, so klar und scharf wie geschliffenes Glas.

Lange starrte er auf die Fotos der Forderungsschreiben. Seine Kiefermuskeln spannten sich an, bis die Haut darüber fast weiß wurde.

„Also deshalb der Auftrag aus der Apotheke“, sagte er heiser und schob den Teller von sich weg. An Essen war nicht mehr zu denken. „Und deshalb heißt es bei uns immer, wir hätten doch keine Geheimnisse voreinander. Sie wollten dich bestehlen, Emilia. Dich und deine Firma. Das Geschäft, für das du dir seit Monaten den Schlaf vom Leib sparst.“

„Ja, Lukas“, antwortete sie und hielt seinem Blick stand. „Wenn ich gestern auf diese Falle hereingefallen wäre und den Code vor ihren Augen eingegeben hätte, dann würde mir heute das Geld für die nächste Gerätebestellung fehlen. Ich habe vieles geschluckt. Ihre Spitzen. Ihre Belehrungen. Dieses ewige Gerede darüber, was für eine schlechte Hausfrau ich angeblich bin. Aber einen versuchten Griff in meine Firmenkasse werde ich nicht hinnehmen.“