Lukas stand so abrupt auf, dass der Stuhl über den Boden scharrte. Er ging ein paar Schritte durch die Küche, blieb stehen, ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder.

„Ich rede selbst mit ihnen“, sagte er schließlich mit einer Stimme, in der kein Platz für Widerspruch war. „Morgen. Ich bestelle sie hierher. Und dann ist diese Sache ein für alle Mal geklärt.“

Am nächsten Abend klingelte es in der Wohnung von Emilia und Lukas. Claudia und Felix standen vor der Tür, beide mit Gesichtern, als kämen sie zu einer Beerdigung. Claudia hielt eine kleine Plastikdose in den Händen; darin lag ein Apfelkuchen, offenbar als Friedensangebot nach dem Vorfall vom Sonntag gedacht. Felix trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und vermied jeden Blickkontakt.

„Ins Wohnzimmer“, sagte Lukas knapp.

Die beiden setzten sich auf das Sofa. Claudia versuchte ein Lächeln, während sie nervös den Stoff ihres Rocks glattstrich.

„Lukasilein, wir haben Kuchen mitgebracht. Emilia, sei mir wegen gestern bitte nicht böse. Ich bin eben nicht mehr die Jüngste, meine Nerven machen nicht mehr mit. Wir sind doch Familie, da muss man einander doch verstehen. Felix hat gerade solche Schwierigkeiten, ich bin schon ganz krank vor Sorge…“

Lukas blieb mitten im Raum stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Emilia saß im Sessel und wirkte vollkommen gefasst.

„Felix’ Schwierigkeiten gehen mich ab heute nichts mehr an“, unterbrach Lukas seine Mutter. Dann nahm er vom Tisch die farbig ausgedruckten Fotos der Mahnschreiben und warf sie vor den beiden auf den Couchtisch. „Mich interessiert etwas anderes. Erklär mir, Mutter, wie genau du vorhattest, vom Handy meiner Frau fünftausend Euro auf das Konto dieses Nichtsnutzes zu überweisen.“

Claudia wurde so schnell blass, als hätte jemand mit einem Schlag alles Blut aus ihrem Gesicht gezogen. Ihr Mund öffnete sich, doch zunächst kam kein Laut heraus. Felix sank tiefer in die Sofakissen und sah sich gehetzt um, als suche er einen Fluchtweg.

„Ich… welche fünftausend Euro? Lukas, was redest du da?“, stammelte Claudia und versuchte, Entrüstung vorzutäuschen. Doch ihre Stimme verriet sie; sie bebte.

„Spar dir die Lüge“, schnitt Lukas ihr hart das Wort ab. „Emilia hat dir gestern das Blutdruckmessgerät gebracht. Und sie hat jedes einzelne Wort gehört, das ihr im Wohnzimmer gesprochen habt. Einschließlich eures Plans, Geld vom Firmenkonto zu stehlen.“

Und ihr habt fest damit gerechnet, dass ich meine Frau schon zum Schweigen bringen würde, falls ihr das fehlende Geld auffällt.“

Als Claudia begriff, dass jedes Leugnen zwecklos geworden war, wechselte sie von einem Augenblick auf den anderen die Rolle. Röte schoss ihr fleckenartig ins Gesicht, sie sprang vom Sofa auf und ging zum Angriff über.

„Na und?!“, kreischte sie schrill. „Ja, wir wollten es nehmen! Ist das etwa ein Verbrechen, wenn man der eigenen Familie hilft? Bei ihr liegen dreißigtausend Euro einfach herum, nur damit sie ihre Pflanzen und Sträucher bezahlen kann! Und deinen Bruder jagen die Gläubiger! Wir hätten es zurückgegeben. Später. Nach und nach. Ihr lebt im Überfluss, geht essen, kauft euch alles Mögliche, und wir drehen jeden Cent zweimal um! Du hättest von allein anbieten müssen, uns zu helfen!“