„Hier ist niemand irgendwem etwas schuldig“, sagte Lukas ruhig. Doch in seiner Stimme lag eine solche Schwere, dass Claudia mitten in ihrer Tirade verstummte. „Emilia hat dieses Geld mit ihrer eigenen Arbeit verdient. Ihr dagegen habt vorgehabt, es zu stehlen. Und jetzt versucht ihr, Diebstahl als Familienhilfe zu verkaufen. Tiefer konntet ihr kaum sinken, Mama.“
„Du hast uns gegen diese Topfpflanzen-Frau eingetauscht!“, fauchte Felix, der hinter seiner Mutter plötzlich wieder Mut fand. „Pantoffelheld! Eine Frau ist heute da und morgen vielleicht weg, aber eine Mutter hast du nur einmal!“
„Raus“, sagte Lukas.
Er machte einen Schritt auf das Sofa zu und deutete zur Tür. In seinem Blick lag so viel eisige Entschlossenheit, dass Felix augenblicklich den Mund schloss. Seitlich, ohne ihm den Rücken zuzudrehen, schob er sich in Richtung Flur.
„Und ich will euch in dieser Wohnung nie wieder sehen. Kein einziges Mal. Ruft Emilia nicht an. Geht nicht in ihr Büro. Versucht nicht, sie irgendwo abzufangen. Wenn ich auch nur erfahre, dass ihr euch ihr nähert, verständige ich selbst die Polizei. Und dann erzähle ich ganz genau, welche geniale Idee ihr hattet.“
Claudia presste sich dramatisch die Hand auf die Brust, als stünde sie kurz vor einem Schwächeanfall. Doch Lukas rührte sich nicht. Kein Schritt, kein erschrockenes Nachfragen, kein Nachgeben. Als sie merkte, dass die Vorstellung vorbei war und niemand mehr applaudieren würde, griff sie hastig nach ihrer Handtasche. Den mitgebrachten Kuchen ließ sie auf dem Tisch stehen. Sekunden später polterten ihre Schritte durch den Flur, dann fiel die Wohnungstür krachend ins Schloss.
Zurück blieb nur der schwere Geruch ihres alten Parfüms.
Lukas ließ sich auf das Sofa sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Emilia trat zu ihm, setzte sich dicht neben ihn und legte die Arme fest um seine Schultern.
„Verzeih mir, Emi“, sagte er dumpf, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. „Ich wusste, dass sie egoistisch sind. Aber dass sie zu so etwas fähig sind… das habe ich nicht geglaubt. Ich schäme mich so sehr vor dir.“
„Du musst dich für nichts schämen“, antwortete Emilia leise und strich ihm beruhigend über den Rücken. „Du hast mich geschützt. Du hast dich auf meine Seite gestellt. Genau das zählt. Alles andere bekommen wir hin.“
Fünf Monate vergingen.
Der Winter zog sich zurück, und ein warmer Frühling legte sich über die Stadt. Das Begrünungsprojekt für das Coworking-Zentrum wurde pünktlich abgeschlossen und löste bei den Auftraggebern echte Begeisterung aus. Kurz darauf erhielt Emilia Angebote für zwei weitere große Aufträge. Zum ersten Mal dachte sie ernsthaft darüber nach, ihr Team zu vergrößern. Ihr Studio für Pflanzendesign wuchs, und mit jedem neuen Projekt wurde deutlicher, dass sie sich ihren Erfolg nicht eingebildet, sondern hart erarbeitet hatte.
Auch in der Wohnung von Emilia und Lukas kehrte eine Ruhe ein, die beide beinahe ungewohnt fanden. Keine unangekündigten Besuche mehr. Keine Forderungen, Ausgaben zu erklären. Keine vorgetäuschten gesundheitlichen Notfälle, mit denen Schuldgefühle erpresst werden sollten. Lukas hatte die finanzielle Nabelschnur endgültig durchtrennt.