Nur hin und wieder erreichten sie über gemeinsame Bekannte ein paar Nachrichten. Als Felix begriff, dass ihn niemand freikaufen würde, musste er seinen teuren Gaming-Computer verkaufen, die gemietete Wohnung aufgeben und wieder bei Claudia einziehen. Schließlich fand er Arbeit als Lagerist in einem Logistikzentrum, um seine Schulden bei den Inkassoleuten abzuzahlen. Es stellte sich heraus, dass körperliche Arbeit erstaunlich gut dabei half, den Kopf zu klären. Für Kryptowährungen und schnelle Gewinne blieb ihm nun jedenfalls keine Zeit mehr.
Claudia versuchte einige Male, Lukas im Büro zu erreichen. Ihre Geschichten waren stets dieselben: wie schwer sie es hätten, wie undankbar er sei, wie sehr eine Mutter leiden müsse. Doch Lukas blieb sachlich, antwortete knapp und beendete jedes Gespräch sofort, sobald es um Geld ging. Ohne Zugriff auf das Portemonnaie ihres älteren Sohnes verloren ihre Manipulationen allmählich jede Wirkung.
An einem hellen Frühlingsmorgen saß Emilia in der Küche. Sonnenlicht fiel über den Tisch, in ihrer Tasse duftete Kaffee, und neben ihr lag das Handy, dessen Display immer wieder mit neuen Nachrichten von Lieferanten aufleuchtete. Sie sah darauf und lächelte.
Das Passwort kannte weiterhin nur sie allein.
Aber wichtiger war etwas anderes: Emilia wusste nun mit absoluter Gewissheit, dass die Grenzen ihres Lebens von einem Menschen geschützt wurden, der keine Passwörter brauchte, um ihr zu vertrauen — und der bereit war, sich vor sie zu stellen, wenn die Welt draußen unfreundlich wurde.