
„Warum sind die Fliesen in unserer Küche eigentlich so eiskalt?“ sagte Leons Mutter vorwurfsvoll in Sophies Morgenmantel
Unglaublich dreist und zutiefst verletzend.
„Warum sind die Fliesen in unserer Küche eigentlich so eiskalt? Ich hatte Leon doch gebeten, eine Fußbodenheizung einbauen zu lassen, als ihr mit der Renovierung angefangen habt! Und überhaupt: Diese Aufteilung ist ja völlig unpraktisch. Wer setzt denn bitte ein Spülbecken so hin? Da spritzt doch alles in die Gegend!“
Die Stimme gehörte einer Frau. Sie klang selbstsicher, bestimmend, fast so, als spräche hier die Eigentümerin der Wohnung. Sophie Schubert kannte sie nicht.
Mitten im Flur blieb Sophie wie angewurzelt stehen. Die schwere Pappkiste, in der noch Reste von Steckschaum, Satinbänder und Arbeitsmaterial lagen, hielt sie weiterhin in den Armen. Gerade erst war sie von einem dreitägigen Außeneinsatz zurückgekommen: eine Hochzeit auf einem Landgut, unzählige Gestecke, Hortensien, Rittersporn, Schleifen, Kerzen, immer wieder Korrekturen bis zur letzten Minute. Ihr Rücken schmerzte, die Hände waren vom Arbeiten mit der Gartenschere zerkratzt, und sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als heiß zu duschen und anschließend ins Bett zu fallen.
Stattdessen roch es in ihrer Wohnung nach gebratenem Fisch und einem fremden Parfüm.
Behutsam stellte Sophie die Kiste auf den Hocker neben der Garderobe und ging ein paar Schritte weiter in Richtung Wohnküche. Hinter ihrer sorgfältig geplanten Kücheninsel saß auf einem hohen Barhocker eine füllige Frau mit kurz geschnittenem, auberginefarben gefärbtem Haar. Sie trug Sophies liebsten Seidenmorgenmantel. In aller Ruhe rührte sie in einer Tasse Tee und betrachtete dabei missbilligend die Arbeitsfläche. Neben ihr stand Leon Meier, Sophies Mann, und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

„Leon, warum sagst du denn nichts?“, fuhr die Frau fort. „Ich habe dir ganz klar geraten, eine Wohnung am Stadtrand zu nehmen, dafür mit ordentlich getrennten Zimmern. Und was ist das hier? Ein hübsch gemachter Studentenkäfig. Kein bisschen Gemütlichkeit.“
„Mama, wir hatten doch darüber gesprochen …“, murmelte Leon. Dann hob er den Blick, sah Sophie und wurde schlagartig blass. „Sophie? Solltest du nicht erst morgen früh zurückkommen?“
„Die Braut war vernünftiger als erwartet. Wir konnten die Location früher übergeben“, erwiderte Sophie ruhig, obwohl in ihr ein dumpfer Zorn aufzusteigen begann. „Guten Abend. Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt.“
Die Frau drehte sich langsam zu ihr um. Ihr prüfender Blick glitt über Sophies müdes Gesicht, über ihre erschöpfte Haltung, die schlichte Jeans und den weiten Pullover.
„Na, dann guten Abend, Schwiegertochter“, sagte sie, als erweise sie Sophie eine besondere Gnade. „Andrea Stein. Ich dachte, ich überrasche euch. Wenn ihr es schon nie schafft, mich zu besuchen, musste ich eben selbst nachsehen, wie mein Sohn hier untergebracht ist.“
Sophie und Leon waren seit etwas mehr als einem Jahr verheiratet. Die Hochzeit war klein gewesen: Standesamt, danach ein Abendessen zu zweit in einem Restaurant. Andrea Stein hatte damals hohen Blutdruck vorgeschoben und ihre Anreise aus ihrer Stadt abgesagt. Während des ganzen Jahres hatten sie fast ausschließlich telefonischen Kontakt gehabt, und auch dabei hatte Sophie meist nur den Hörer an Leon weitergereicht. Nun war ihre Schwiegermutter also gekommen, um zuerst Sophies Wohnung kennenzulernen – und erst danach Sophie selbst.
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