„Verstehe“, sagte Sophie und zwang sich, gleichmäßig zu atmen. „Leon, warum hast du mir nicht gesagt, dass deine Mutter kommt?“
„Ich habe es selbst erst gestern Abend erfahren!“, verteidigte er sich hastig. „Mama hatte schon die Fahrkarte gekauft und rief vom Bahnhof aus an. Ich konnte sie doch nicht einfach zurückschicken. Also habe ich sie abgeholt und hergebracht. Und weil ich heute zur Arbeit musste, habe ich ihr den Ersatzschlüssel gegeben.“
„Den Schlüssel“, wiederholte Sophie tonlos.
Ihr Blick blieb an dem Seidenmantel auf den Schultern ihrer Schwiegermutter hängen. Dann sah sie zur Pfanne, in der etwas Fettiges zischte und Öl gegen die helle Küchenrückwand spritzte – ausgerechnet gegen jene Fläche, die Sophie nach langem Suchen ausgewählt hatte.
„Sophie, wasch dir die Hände, gleich essen wir“, kommandierte Andrea Stein und rutschte vom Hocker. „Ich habe mich hier ein bisschen nützlich gemacht. Allerdings habt ihr kaum vernünftige Lebensmittel im Haus. Nur irgendwelches Grünzeug. Diesen Käse mit Schimmel habe ich vorsichtshalber weggeworfen, der war ja offensichtlich verdorben. Die Mandelmilch gleich mit. Ich habe normale Fleischwurst gekauft und Seelachs gebraten. Einen Mann muss man mit Fleisch und Fisch ernähren, nicht mit euren neumodischen Diäten.“
Sophie schloss schweigend die Augen, zählte langsam bis zehn und ging ins Bad.
Die Lage war alles andere als harmlos. Sophie führte ein kleines Floristikstudio. Die Arbeit war anstrengend, unberechenbar und oft nervenaufreibend, brachte ihr jedoch ein gutes Einkommen. Diese geräumige Zweizimmerwohnung in einer angenehmen Gegend hatte sie zwei Jahre vor ihrer Begegnung mit Leon gekauft. Die Anzahlung hatte sie selbst zusammengespart, die Kreditraten zahlte sie allein, und auch die Renovierung hatte sie eigenständig organisiert, mit viel Geld, Kraft und Herzblut in jedem Detail. Leon war fast unmittelbar nach Beginn ihrer Beziehung zu ihr gezogen. Er arbeitete als Manager in einer Logistikfirma und verdiente durchschnittlich.
Sein Einkommen bewegte sich im Mittelfeld, doch an großen Plänen mangelte es ihm nie. Leon sprach ständig von bevorstehenden Beförderungen, neuen Verantwortungsbereichen und davon, dass sich beruflich bei ihm bald „richtig etwas drehen“ werde.
Sophie Schubert hatte damit zunächst kein Problem. Sie war es gewohnt, sich auf niemanden außer sich selbst zu verlassen. Gleich zu Beginn hatten sie abgesprochen, die laufenden Kosten für Wohnung und Lebensmittel je zur Hälfte zu tragen, während sie die Raten für den Kredit weiterhin allein übernehmen würde. In der Praxis verschob sich jedoch fast unbemerkt immer mehr auf Sophies Seite. Mal musste Leon dringend neue Reifen für sein Auto kaufen, mal seinem Cousin aushelfen, mal Geld für irgendein angeblich vielversprechendes Start-up zurücklegen. Sophie schluckte es hinunter. Sie redete sich ein, dass man in einer Familie nicht wegen jeder Kleinigkeit eine Rechnung aufmachen sollte.
Was sie allerdings nie vorgehabt hatte: einen fremden Menschen dauerhaft in ihrem persönlichen Rückzugsort zu ertragen, noch dazu mit solchen Ansprüchen.