Das Abendessen verlief entsprechend angespannt. Andrea Stein fand an allem etwas auszusetzen und kommentierte ohne Pause die Einrichtung.
„Diese Vorhänge sind aber düster. Hier müsste etwas Leichtes hin, Tüll vielleicht, mit Blumen, damit es freundlicher wirkt. Und dieses Sofa nimmt ja das halbe Zimmer weg. Wenn erst einmal ein Kind da ist, wo soll es denn spielen?“, dozierte die Schwiegermutter, während sie mit der Gabel im Fisch herumstocherte. „Leon, ihr müsst euch ernsthaft über eine Umgestaltung Gedanken machen. Hier könnte man eine Wand ziehen und ein Kinderzimmer abtrennen.“
„Andrea Stein“, fiel Sophie ihr ruhig, aber mit deutlicher Festigkeit ins Wort. „Diese Wohnung braucht keinen neuen Grundriss. Für mich ist alles genau richtig, so wie es ist.“
Die ältere Frau hob erstaunt die Augenbrauen.
„Für dich? Sophie, ihr seid jetzt eine Familie. Warum stellst du dich denn so egoistisch an? Heute passt es dir, morgen fühlt Leon sich hier vielleicht eingeengt. In einer Ehe gehört alles beiden, da denkt man an die Zukunft.“
Sophie warf ihrem Mann einen unmissverständlichen Blick zu. Sie wartete darauf, dass er endlich etwas sagte und seiner Mutter klarmachte, wessen Zuhause das hier war. Doch Leon kaute nur angestrengt weiter und starrte auf seinen Teller, als stünde dort die Lösung aller Probleme.
Einige Tage vergingen. Der Besuch von Andrea Stein, von dem Sophie gehofft hatte, er würde sich auf ein Wochenende beschränken, verwandelte sich schleichend in einen längeren Aufenthalt. Die Schwiegermutter erklärte, sie müsse sich in einer Fachklinik in Berlin gründlich untersuchen lassen, und das könne ungefähr einen Monat dauern.
Von da an kam Sophie jeden Abend von der Arbeit nach Hause und entdeckte irgendeine neue Überraschung. Ihre sorgfältig ausgesuchten Gewürze waren aus den beschrifteten Döschen in alte Kaffeegläser umgefüllt worden. Die beschichtete Pfannkuchenpfanne, die sie besonders gern benutzt hatte, war mit einem Metallschwamm so erbarmungslos geschrubbt worden, dass die Oberfläche stellenweise silbrig glänzte.
„Ich habe deine Pfanne kaum sauber bekommen“, verkündete Andrea Stein an jenem Abend stolz. „Die war ganz schwarz und schmierig. Wie konntet ihr daraus überhaupt essen? Das war ja regelrecht unhygienisch!“
Sophie sagte nichts mehr. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür und weinte vor Kränkung etwa zwanzig Minuten lang. Die Pfanne hatte ungefähr so viel gekostet wie ein halber Monatslohn eines durchschnittlichen Angestellten, aber darum ging es nicht einmal. Viel schlimmer war diese selbstverständliche, rücksichtslose Überschreitung ihrer Grenzen.
Abends saß Andrea Stein bevorzugt auf genau jenem Sofa, das sie kurz zuvor noch hatte loswerden wollen, und sah fern. Eines Tages blieb sie beim Durchschalten bei einem alten Film hängen. Ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, sagte sie mit bedeutungsschwerer Stimme:
„Wenn ich dich so beobachte, Sophie, muss ich immer an Johanna Krause aus diesem alten Melodram denken. Immer kommandieren, immer alles allein tragen, immer diese Chefinnenart. Aber weibliches Glück baut man so nicht auf. Ein Mann braucht zu Hause Wärme, Nachgiebigkeit und nicht ständig Befehle und Regeln. Ein Mann muss spüren, dass er der Hausherr ist.“