„Um sich wie ein Hausherr zu fühlen, sollte man vielleicht erst einmal einer sein“, entfuhr es Sophie, während sie die schmutzigen Tassen einsammelte, die ihre Schwiegermutter überall in der Wohnung stehen ließ.

Andrea Stein kniff die Augen zusammen.

„Was soll das denn heißen?“

„Nichts Besonderes. Nur ein Gedanke“, antwortete Sophie und drehte den Wasserhahn auf, um die Teereste aus den Tassen zu spülen.

Am nächsten Tag hatte Sophie frei. Leon war zur Arbeit gegangen, Andrea Stein zu ihrem Termin in der Klinik aufgebrochen. Sophie beschloss, die Unterlagen zu sortieren. Die Nebenkosten waren fällig, und die Rechnungen warf Leon gewöhnlich in die obere Schublade des Schreibtischs im Wohnzimmer.

Sie zog die Schublade auf und begann, die Papiere durchzugehen. Strom, Wasser, Heizung … Darunter lag eine feste Kunststoffmappe, die sie dort vorher noch nie gesehen hatte. Aus der Mappe ragte die Ecke eines Bankvertrags heraus.

Sophie war niemand, der in fremden Sachen wühlte. Doch das Logo der Bank fiel ihr sofort ins Auge: Es war dieselbe Bank, über die auch Leons Gehalt lief. Zögernd zog sie das Blatt ein Stück weiter heraus.

Es handelte sich um einen Kreditvertrag. Abgeschlossen auf Leon Meier, vor drei Wochen. Die Summe: 7.000 Euro. Ein Konsumentenkredit zu einem hohen Zinssatz.

Sophie zog die Stirn kraus. Wofür brauchte Leon eine solche Summe? Ein neues Auto hatte er nicht gekauft, größere Anschaffungen waren ebenfalls ausgeblieben. Plötzlich setzten sich in ihrem Kopf einzelne Beobachtungen der vergangenen Monate zusammen: Leon hatte aufgehört, sich an den Einkäufen zu beteiligen, angeblich wegen verspäteter Bonuszahlungen. Auch seinen Anteil für Internet, Nebenkosten und den Stellplatz hatte er immer öfter „vergessen“.

Sie blätterte weiter. In der Mappe lag noch ein zweites Papier: eine vorläufige Berechnung für eine Baufinanzierung. Als Kreditnehmer war Leon Meier eingetragen. Und bei der Zeile „Eigenkapital“ stand ein Betrag, der auf unangenehme Weise ziemlich genau dem geschätzten Marktwert von Sophies Wohnung entsprach — abzüglich der Restschuld, die noch auf ihrer eigenen Finanzierung lag.

Ihr wurde eiskalt. Sophie ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken und starrte auf die Zahlen, als könnten sie sich noch verändern, wenn sie nur lange genug hinsah.

Am Abend stand sie auf dem gedämmten Balkon zwischen ihren Pflanzen. Sie topfte einen großen Ficus um und füllte langsam frische Erde in den neuen Kübel. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt. Leon und Andrea Stein kamen nach Hause und ließen sich in der Küche nieder. Offenbar gingen sie davon aus, Sophie sei noch im Büro, denn sie sprachen ohne jede Vorsicht.

„Hast du endlich mit ihr geredet?“, hörte Sophie die gereizte Stimme ihrer Schwiegermutter.

„Mama, jetzt warte doch mal“, murmelte Leon. „Ich kann doch nicht einfach zu ihr gehen und sagen: Sophie, verkauf bitte deine Wohnung. Sie klammert sich daran, als wäre es ihr Leben.“

„Dann benimm dich nicht wie ein Waschlappen!“, fuhr Andrea Stein ihn an. „Warum bin ich wohl hergekommen? Um dir zu helfen! Bist du ein Mann oder nicht? Sag ihr, du willst Kinder. Sag ihr, ein Kind braucht Platz, ein drittes Zimmer, eine ruhige Gegend mit Grün. Ihre Wohnung wird verkauft, ihre Restschuld wird abgelöst. Mit dem, was übrig bleibt, kauft ihr etwas Größeres. Und weil ihr verheiratet seid, läuft das dann als gemeinsames Vermögen. Noch besser wäre es, wenn ein Teil gleich auf mich geschrieben wird. Ich stecke schließlich auch mein Erspartes rein, und was aus meinem kleinen Gartenhaus noch herauszuholen ist. Dann wohne ich bei euch und helfe mit dem Enkelkind. In meinem Nest da draußen gehe ich doch ein.“