„Mama, ich habe doch schon 7.000 Euro aufgenommen, nur damit dein Gartenhaus renoviert werden kann!“, antwortete Leon nervös. „Die Rate muss ich jeden Monat zahlen. Sophie schaut mich sowieso schon schief an, weil ich kaum noch Geld nach Hause bringe. Wenn sie von dem Kredit erfährt, gibt es einen Riesenkrach.“
„Dann sorg eben dafür, dass sie es nicht erfährt!“, gab Andrea Stein scharf zurück. „Sag ihr, du hättest Geld in ein Projekt gesteckt. Sie verdient doch genug mit ihren Blümchen. Soll sie euch eben eine Weile mit durchfüttern. Davon fällt sie nicht tot um. Wichtig ist nur, dass du sie wegen der Wohnung weichklopfst. Fang damit an, ihr ständig einzureden, dass es hier zu eng ist und die Luft schlecht.“
Sophie stand reglos auf dem Balkon. In ihrer Hand krampfte sich die kleine Plastikschaufel zusammen, während Erde auf die Fliesen rieselte. Ihr blieb vor Empörung und Verletzung fast die Luft weg. Mit einem Mal ergab alles Sinn. Die Dreistigkeit, die Übergriffe, dieser Ton, als gehöre ihnen bereits alles — es war kein Zufall gewesen. Es gehörte zu einem aberwitzigen und dennoch sehr realen Plan, ihr die Wohnung aus der Hand zu nehmen.
Langsam legte sie die Schaufel beiseite und klopfte sich die Erde von den Fingern. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in den Schläfen spürte. Doch sie weinte nicht. Stattdessen stieg in ihr eine kalte, klare Wut auf. Genau jene Wut, die ihr schon oft geholfen hatte, ihr Geschäft aufzubauen und sich in einer harten Branche zu behaupten.
Sophie öffnete die Balkontür und trat ins Wohnzimmer.
In der Küche verstummten beide sofort. Leon verschluckte sich beinahe an seinem Tee. Andrea Stein erstarrte mit einem Stück Keks zwischen den Fingern.
„Ach, Sophie, Liebes, wir dachten, du bist noch arbeiten“, sagte die Schwiegermutter mit einem künstlichen Lächeln. „Wir sitzen hier nur ein bisschen gemütlich bei Gebäck.“
Ohne ein Wort ging Sophie zu ihrem Schreibtisch, nahm die Mappe, kehrte in die Küche zurück und warf sie vor Leon auf den Tisch.
„Was soll das sein?“, fragte er, und seine Gesichtsfarbe veränderte sich.
„Genau das möchte ich von dir wissen, Leon“, erwiderte Sophie mit eisiger Ruhe. „Was ist das für ein Kredit über 7.000 Euro? Und warum gibt es hier eine Finanzierungsberechnung, bei der die angebliche Eigenleistung erstaunlich genau dem Wert meiner Wohnung entspricht?“
„Du hast in meinen Sachen herumgeschnüffelt?“, versuchte Leon sofort zum Gegenangriff überzugehen. Seine Stimme wurde lauter. „Mit welchem Recht?“
„Ich habe die Rechnungen für die Nebenkosten gesucht, die du seit vier Monaten nicht mehr bezahlst“, schnitt Sophie ihm das Wort ab. „Genauso wenig wie Lebensmittel. Oder sonst irgendetwas in diesem Haushalt.“
„Wage es nicht, deinen Mann so anzubrüllen!“, mischte sich Andrea Stein ein und erhob sich schwerfällig vom Stuhl. „Na und, dann hat er eben einen Kredit aufgenommen! Er ist mein Sohn, er wollte mir helfen, das Gartenhaus wieder in Ordnung zu bringen. Was soll daran falsch sein? In einer Familie unterstützt man sich!“