Geschichte
„Hättest auch weiter so hängen können“, murmelte Rosa in die leere Küche, richtete die Tür wieder und ließ das leise Klicken ihre Augen brennen

„Hättest auch weiter so hängen können“, murmelte Rosa in die leere Küche, richtete die Tür wieder und ließ das leise Klicken ihre Augen brennen

Das Klicken war ergreifend, längst überfällig und befreiend.

110 Leser 11 Seiten ~3 Min.

Rosa Sommer kniete vor dem Küchenschrank und presste mit der Schulter die halb abgerissene Tür an den Korpus, während sie mit der freien Hand im dämmrigen Schatten nach der Scharnierplatte tastete und versuchte, sie genau über die zwei winzigen Löcher für die Schrauben zu bekommen. Diese Tür hing seit vorletztem Herbst nur noch an einer einzigen Schraube. Damals hatte Andreas Beck gesagt, er werde am Wochenende neue Beschläge besorgen. Danach hatte er es noch an ungefähr dreißig Wochenenden wiederholt. Und irgendwann hatte er einfach aufgehört zu sehen, dass die Tür schief in den Angeln hing und sich nicht mehr richtig schließen ließ.

„Hättest auch weiter so hängen können“, murmelte Rosa in die leere Küche hinein. „Gestört hast du ja niemanden.“

Doch plötzlich ertrug sie genau diesen Anblick nicht mehr. Nicht heute. Sie holte vom Balkon die alte Plastikkiste, in der sich seit drei Jahrzehnten Schrauben, Dübel, Kabelreste und Schlüssel zu längst vergessenen Schlössern angesammelt hatten, kippte einen Teil davon auf eine ausgebreitete Zeitung und suchte fast zwanzig Minuten nach einer passenden Schraube. Schließlich fand sie eine. Mit dem Schraubendreher befestigte sie erst das eine Scharnier, dann das zweite, richtete alles aus und zog die Schrauben fest. Die Tür saß wieder gerade. Rosa stieß sie mit der Fingerspitze an. Sie glitt weich zu und machte ein leises Klicken. Zum ersten Mal seit zwei Jahren.

Noch eine Weile blieb sie auf dem Küchenboden sitzen und sah diese Schranktür an. Aus irgendeinem Grund waren es nicht die vergangenen Wochen, nicht die Demütigung, nicht die Leere in der Wohnung, sondern ausgerechnet dieses kleine, ordentliche Klicken, das ihr die Augen brennen ließ.

Das Telefon klingelte, als sie gerade die Schrauben zurück in die Kiste räumte. Auf dem Display stand „Andreas Beck“. Nicht mehr „Andreas“, wie fünfundzwanzig Jahre lang, sondern nüchtern mit Vor- und Nachnamen. Eine Woche nach seinem Auszug hatte sie den Kontakt umbenannt. Rosa wischte sich die Hände an der Schürze ab und nahm erst beim vierten Klingeln ab.

„Ja.“

„Rosa, hallo“, sagte er. Seine Stimme klang fremd, geschäftsmäßig, mit dieser angestrengten Leichtigkeit, die Menschen annehmen, wenn ihnen die Situation unangenehm ist. „Wie geht es dir?“

„Ganz normal. Was gibt es?“

„Ich wollte wegen meiner Sachen fragen. Wir hatten ja darüber gesprochen. Da ist noch einiges von mir. Die Winteranzüge, das Werkzeug und der große Reisekoffer, der graue, der oben in der Abstellkammer liegt. Den würde ich gern holen.“

„Dann hol ihn.“

„Ich könnte am Samstag vorbeikommen. So gegen zwölf. Passt dir das?“

„Mir ist es gleich“, antwortete Rosa. „Komm um zwölf.“

„Danke.“ Er stockte kurz. „Sag mal, du hast doch nicht etwa die Schlösser gewechselt?“

„Doch.“

„Ach so. Ja. Natürlich. Richtig“, stimmte er hastig zu, als hätte sie ihn um Erlaubnis gebeten. „Dann klingele ich unten, und du machst mir auf.“

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