Darauf fand er keine Antwort. Er zog den Koffer zum Aufzug. Rosa schloss die Wohnungstür leise, ohne sie zuzuwerfen. Noch eine Weile stand sie mit dem Rücken dagegen und lauschte, wie der Fahrstuhl nach unten fuhr.
Dann ging sie in die Küche, setzte den Wasserkocher auf und ließ sich am Tisch nieder. Draußen hing ein feiner Märznieselregen vor den Fenstern, jener kalte Regen am Ende des Winters, wenn der Schnee längst schmutzig geworden ist und der Frühling trotzdem noch auf sich warten lässt. Rosa umfasste ihre Tasse mit beiden Händen, genauso wie Lea vor drei Tagen an diesem Tisch gesessen hatte, erschrocken und verloren. Und sie sah sich um.
In ihrer Küche.
Ihr Blick fiel auf die kleine Schranktür unter der Spüle. Auf genau diese Tür. Rosa streckte die Hand aus und stupste sie mit dem Finger an. Die Tür schwang leicht nach innen und schloss mit einem sauberen, sanften Klick.
So, wie sie es immer hätte tun sollen.
Rosa lächelte.
Am Abend meldete sich Emilia Friedrich per Videoanruf, wie fast immer.
„Und?“, fragte sie ohne Begrüßung. „Hat er seinen Koffer abgeholt?“
„Hat er“, sagte Rosa.
„Und? Ohne Theater?“
„Ein bisschen Theater gab es“, antwortete Rosa. „Aber nicht das, vor dem du Angst hattest.“ Sie schwieg kurz. „Emilia, ich erzähle dir alles später, wenn wir uns sehen. Es ist lang. Erzähl du mir lieber von deinem Oskar Meier. Wer ist dieser Oskar?“
„Mama!“ Emilia lachte und wurde rot. „Musst du denn gleich so anfangen?“
„Warum warten?“, sagte Rosa. „Man hat nur dieses eine Leben. Also los. Ich habe mir Tee eingeschenkt und höre zu.“
Sie machte es sich bequemer in ihrer Küche, in ihrer Wohnung, in der endlich nichts mehr schief hing und alles so schloss, wie es sollte.
Und dann hörte sie ihrer Tochter zu.