„Ja.“ Lea hob den Blick, und in ihren Augen lag nun blankes Entsetzen, weil sie selbst zu begreifen begann. „Sie gehört ihm gar nicht, oder?“
„Sie gehörte meiner Mutter“, sagte Rosa. „Ich habe sie geerbt. Drei Jahre, bevor ich Andreas geheiratet habe. Er hat fünfundzwanzig Jahre lang als Gast hier gewohnt und anscheinend irgendwann selbst geglaubt, er sei der Eigentümer.“
Lea presste beide Hände vor ihr Gesicht.
„Mein Gott“, murmelte sie dumpf. „Und das Auto? Er sagte, er hätte zwei. Ein zweites, größeres, stünde in einer Garage, das fahre er nur selten.“
„Er hat genau eins“, erwiderte Rosa. „Einen alten Opel. Auf Kredit. Und eine Garage besitzen wir nicht. Wenn es eine gäbe, wüsste ich davon. Mit solchen Unterlagen verdiene ich schließlich mein Geld.“
„Und… das Geld?“ Lea schluckte. „Er hat behauptet, er hätte etwas zurückgelegt. Dass er uns bis zum Sommer eine eigene Wohnung kaufen wolle. Die Anzahlung sei fast komplett.“
Rosa sah dieses Mädchen an — denn genau das war sie, ein Mädchen, jünger als Emilia Friedrich — und in ihr zerfiel plötzlich die kalte, triumphierende Klarheit. Übrig blieb nur eine müde Bitterkeit.
„Lea“, sagte sie leise. „Weißt du eigentlich, wie alt er ist?“
„Zweiundvierzig“, antwortete Lea sofort. „Das hat er gesagt. Zweiundvierzig.“
„Neunundvierzig“, sagte Rosa. „Im Mai wird er fünfzig.“
Lea starrte sie mehrere Sekunden lang an. Dann geschah etwas, womit Rosa überhaupt nicht gerechnet hatte: Sie begann zu weinen. Nicht laut, nicht theatralisch, ohne irgendeine Szene. Sie saß einfach da und weinte so, wie Menschen weinen, wenn sie sich schämen und zugleich entsetzliche Angst haben.
„Ich bin doch dumm, oder?“ Sie sprach durch die Tränen hindurch. „Sagen Sie es ruhig. Ich bin dumm.“
„Du bist jung“, sagte Rosa, und es klang beinahe sanft. „Das vergeht. Dumm wärst du, wenn du bei ihm bleibst.“
Zum ersten Mal seit Beginn dieses Gesprächs setzte sie sich Lea gegenüber an den Tisch und sah ihr direkt in die Augen.
„Warum bist du wirklich hergekommen?“
Lea wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
„Letzte Woche habe ich im Internet nachgesehen… also, wie man prüfen kann, wem eine Wohnung gehört. Eine Freundin meinte, man könne so einen Auszug bestellen. Aus dem Grundbuch.“
„Einen Grundbuchauszug“, sagte Rosa, und ein Mundwinkel zuckte ihr unwillkürlich. Es war fast komisch. Dieses Mädchen hatte tatsächlich einen Grundbuchauszug angefordert. „Hast du ihn bestellt?“
„Ja. Er kam per Mail. Und da stand Ihr Name. Und dass die Wohnung vor der Ehe erworben wurde. Durch Erbschaft.“ Lea atmete zittrig ein. „Zuerst habe ich es nicht verstanden. Dann schon. Und da ist in mir alles abgesackt. Ich dachte: Wenn er darüber gelogen hat, dann hat er über alles gelogen. Über sein Alter, über das Auto, über das Geld, darüber, dass er mich liebt.“ Sie schluchzte leise auf. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich musste Sie sehen. Ich musste wissen, wen er für all diese Lügen verlassen hat.“
Rosa schwieg. Draußen war es inzwischen ganz dunkel geworden, und in der Fensterscheibe spiegelte sich die vertraute Küche, als sähe sie sie aus einem fremden Leben.