Doch das war nicht der entscheidende Punkt. Das Entscheidende erfuhr Rosa an einem Mittwoch, drei Tage vor jenem Samstag, und zwar völlig zufällig.

Sie kam von der Arbeit zurück und ging noch schnell in die Apotheke im Erdgeschoss ihres Hauses, weil ihre Augen seit dem Vormittag brannten. Mit den Tropfen in der Tasche trat sie wieder hinaus. Vor der Eingangstür stand eine junge Frau. Sehr jung, in einer hellen Jacke, mit langem Haar, das achtlos zu einem Knoten zusammengenommen war. Sie hielt ihr Handy in der Hand und wirkte, als müsse sie sich seit Minuten dazu zwingen, endlich ins Haus zu gehen. Beim Geräusch der Tür fuhr sie herum.

Rosa begriff sofort, wer sie war. Nicht, weil sie Fotos gesucht hätte. Das hatte sie nie getan. Sie erkannte es an diesem Blick. An dem erschrockenen Zusammenzucken. An der Art, wie dem Mädchen plötzlich jede Farbe aus dem Gesicht wich, bis es fast so blass war wie die eigene Jacke.

„Guten Tag“, sagte die junge Frau kaum hörbar. „Sind Sie… Rosa Sommer?“

„Ja“, antwortete Rosa.

Für einige Sekunden sagte keine von ihnen etwas. Eine Nachbarin kam mit ihrem Hund vorbei und warf ihnen im Vorübergehen einen neugierigen Seitenblick zu.

„Ich heiße Lea König“, brachte die junge Frau schließlich hervor.

Dann schwieg sie wieder, als müsste dieser Name für sich allein alles erklären.

„Ich weiß, wer du bist“, sagte Rosa ruhig.

Sie konnte sich selbst nicht erklären, woher diese Ruhe kam. Vielleicht hatte sie sich in den vergangenen sechs Wochen in ihr gesammelt, Schicht um Schicht. Rosa betrachtete Lea König und spürte keinen Hass. Nicht einmal richtige Wut. Da war nur eine ungeheure, bleierne Müdigkeit, und irgendwo darunter etwas, das beinahe Mitleid war — ein Gefühl, für das sie sich im selben Augenblick schämte.

„Ich weiß gar nicht, warum ich gekommen bin“, sagte Lea, und ihre Stimme kippte. „Vielleicht bin ich völlig verrückt. Ich wollte nur… darf ich Ihnen etwas sagen? Es dauert nicht lange.“

Rosa sah sie an. Draußen wehte ein unangenehmer Wind, und feiner Nieselregen begann auf den Gehweg zu fallen.

„Komm mit hoch“, sagte sie, zu ihrer eigenen Überraschung. „Oben zieht es wenigstens nicht. Du trinkst einen Tee, dann gehst du wieder.“

Lea saß später in Rosas Küche — ausgerechnet in dieser Küche — und umklammerte die Tasse mit beiden Händen. Sie sprach, ohne den Blick vom Tisch zu heben. Rosa lehnte an der Arbeitsplatte und hörte zu. Währenddessen fügte sich in ihrem Inneren langsam, Stück für Stück, ein Bild zusammen, das so absurd war, dass ihr abwechselnd nach Lachen und nach Übelkeit zumute wurde.

„Er hat gesagt, die Wohnung gehört ihm“, erzählte Lea. „Also… diese hier. Ihre Wohnung. Er meinte, er sei hier gemeldet, es sei seine Wohnung, und er würde sie Ihnen nur aus Anstand lassen. Weil er Sie nicht rauswerfen wolle. Sie seien ja nicht mehr jung, wohin sollten Sie denn gehen. Genau so hat er es gesagt: ‚Ich setze Rosa nicht auf die Straße, so einer bin ich nicht.‘“

Rosa stellte ihre eigene Tasse langsam ab.

„Er lässt mir also aus Edelmut meine eigene Wohnung“, sagte sie tonlos.