„Welche Tür?“
„Na, in der Küche, unten neben der Spüle. Erinnerst du dich nicht? Sie hing immer so schief.“
„Ach die.“ Emilia lächelte schwach. „Er hat doch ständig versprochen, das zu machen.“
„Ständig. Und ich habe sie genommen und in zwanzig Minuten festgeschraubt. Dabei war es nichts. Eine Schraube und ein Schraubendreher.“
„Mama“, sagte Emilia ernst. „Er hat vieles versprochen.“
„Ich weiß.“
Sie sprachen noch eine Weile über Emilias Arbeit und darüber, dass sie sich offenbar mit einem gewissen Oskar Meier aus der Nachbarabteilung traf, aber noch nichts Genaueres erzählen wollte. Rosa drängte nicht. Als das Gespräch beendet war, blieb sie wieder allein zurück in der Wohnung, in der nun alles ihr gehörte: die Stille, der reparierte Küchenschrank und vor allem jene große, entscheidende Tatsache, über die Andreas Beck offenbar bis heute nicht wirklich nachgedacht hatte.
Die Wohnung gehörte ihr. Nicht ihnen. Ihr allein.
Rosa Sommer hatte dreiundzwanzig Jahre lang in der Abteilung für Grundbuch- und Eigentumsangelegenheiten gearbeitet, die letzten acht davon als leitende Sachbearbeiterin. Durch ihre Hände waren Tausende fremder Wohnungen, Häuser, Garagen, Anteile, Schenkungen, Erbschaften und Vermögensauseinandersetzungen gegangen. Über Immobilien wusste sie Dinge, die oft nicht einmal Anwälte oder Makler begriffen: nicht nur die Paragrafen, sondern die innere Logik dahinter, jene unsichtbare Mechanik, wegen der Menschen in ihrem Büro entweder vor Erleichterung weinten oder kreidebleich wurden, weil sie zu spät verstanden hatten, was sie versäumt hatten.
Diese Zweizimmerwohnung hatte ihre Mutter ihr hinterlassen. Per Testament, drei Jahre bevor Rosa Andreas Beck heiratete. Rosa hatte damals den Erbschein beantragt, die Unterlagen eingereicht und ihr Eigentum im Grundbuch eintragen lassen. Alles war sauber geregelt gewesen, alles vor der Ehe. Als sie heirateten, zog Andreas zu ihr. In fünfundzwanzig Jahren hatte er sich daran gewöhnt, diese Wände als seine eigenen zu betrachten, und anscheinend hatte er wirklich vergessen, wessen Name im Register stand. Eine große gemeinsame Sanierung hatte es nie gegeben.
Auch keine Hypothek war je auf beide gelaufen, kein gemeinsames Darlehen, keine staatliche Förderung, nichts, worauf Andreas Beck sich auch nur im Entferntesten hätte berufen können. Vermögen, das ein Ehepartner als Geschenk oder durch eine Erbschaft erhält, bleibt persönliches Eigentum und wird bei einer Trennung nicht geteilt. Rosa Sommer wusste das nicht aus irgendeinem Ratgeber. Sie hatte solche Eintragungen unzählige Male selbst bearbeitet, geprüft, abgestempelt und registriert.
Als Andreas also ging und seine Sporttasche mitnahm, empfand Rosa zwischen Schmerz, Beschämung und dieser dumpfen Ratlosigkeit noch etwas anderes: eine eisklare, nüchterne Erkenntnis. Er ging ohne jede Grundlage. Ohne Besitz, ohne Sicherheit, ohne das Polster, das er sich offenbar in seiner Fantasie zurechtgelegt hatte. Er hatte sein Gehalt als Dozent, einen alten Opel auf Kredit und eine gemietete Wohnung in Dresden-Prohlis, deren Miete direkt aus eben diesem Gehalt bezahlt wurde. Alles, was er in den vergangenen Jahren wie seinen eigenen Wohlstand behandelt hatte — die vertraute Zweizimmerwohnung, die gewachsene Häuslichkeit, das Gefühl eines festen Bodens unter den Füßen — gehörte nicht ihm.