Lea stand auf. Ihre Finger zitterten sichtbar. Sie ging in den Flur, nahm den Hörer der Gegensprechanlage, sagte kein Wort hinein und betätigte nur den Türöffner. Danach stellte sie sich an die Wohnungstür und wartete.
Rosa hörte, wie der Aufzug nach oben fuhr. Sie hörte das kurze Ruckeln, als er auf ihrer Etage hielt, dann das Aufgleiten der Türen. Schritte kamen näher, vertraute, schwere Schritte, ein wenig schleppend; Andreas Beck war immer so gegangen. Vor der Tür blieb er stehen. Ein Schlüsselbund klimperte. Aus Gewohnheit hatte er offenbar nach den Schlüsseln gegriffen und erst dann begriffen, dass das Schloss inzwischen ausgetauscht war. Dann wurde es still. Wahrscheinlich rechnete er damit, dass Rosa ihm öffnen würde.
Doch Lea öffnete.
Rosa stand im Küchendurchgang und sah durch den Flur alles wie in einem festgehaltenen Bild: Leas schmale Gestalt von hinten, dahinter Andreas. Er hatte schon einen Schritt nach vorn gemacht, bereits mit jenem schuldbewussten, halb fertigen Lächeln im Gesicht, das er vermutlich für seine frühere Frau vorbereitet hatte. Dann erstarrte er. Das Lächeln verschwand langsam, als würde jemand es mit einem Radiergummi aus seinem Gesicht wischen. Er sah Lea. Hier. In Rosas Wohnung. An der Tür, die sie ihm geöffnet hatte.
Er wurde kreidebleich. Nicht nur ein wenig. Rosa sah, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich, wie er den Mund öffnete und keinen Laut hervorbrachte. In dieser einen Sekunde begriff er alles: Wenn Lea hier war und ihm in Rosas Wohnung die Tür öffnete, dann hatten sie miteinander gesprochen. Dann war das, was er in getrennten Ecken seines Lebens aufbewahrt hatte, damit das eine niemals vom anderen erfuhr, gerade in diesem Flur zusammengebrochen.
„Lea?“, brachte er endlich hervor. „Du… was machst du denn hier?“
„Hallo, Andreas“, sagte Lea. Ihre Stimme bebte, aber sie wich nicht zurück. „Ich habe auf dich gewartet.“
„Du… wie…“ Er sah an ihr vorbei in die Wohnung hinein und entdeckte Rosa. Ihre Blicke trafen sich. „Rosa. Was soll das? Was passiert hier?“
„Komm rein, Andreas“, sagte Rosa ruhig. „Deine Sachen stehen bereit. Und zu reden gibt es, soweit ich das sehe, auch einiges. Jetzt, wo wir schon alle beisammen sind.“
Er trat ein, aber nicht mehr wie jemand, dem diese Wohnung fünfundzwanzig Jahre lang vertraut gewesen war. Er kam seitlich herein, unsicher, beinahe demütig, wie ein Fremder in einem fremden Zuhause. Und genau das war er nun: ein fremder Mensch in einer Wohnung, die nicht mehr zu ihm gehörte. Rosa betrachtete ihn, diesen schwer gewordenen, kahl werdenden Mann in der Jacke, die sie ihm vor drei Jahren ausgesucht hatte, und spürte weder Triumph noch Hass. Merkwürdigerweise empfand sie fast nichts. Er war da. Mehr nicht.
Sie gingen in die Küche. Lea setzte sich wieder auf ihren Platz. Rosa blieb stehen. Andreas stand mitten im Raum und wusste offensichtlich nicht, wohin mit sich.
„Vielleicht erklärt ihr mir erst einmal“, begann er und versuchte, wieder jenen Ton anzuschlagen, in dem jemand spricht, der das Recht hat, Fragen zu stellen. „Wie kommt ihr überhaupt… Habt ihr etwa hinter meinem Rücken…“