„Hinter deinem Rücken?“, fiel Lea ihm ins Wort. In ihrer Stimme lag plötzlich eine Schärfe, die Rosa drei Tage zuvor noch nicht gehört hatte. „Ausgerechnet du sagst das? Hast du mir denn alles ins Gesicht gesagt, Andreas? Dass die Wohnung dir gehört? Dass du zweiundvierzig bist? Dass du noch ein zweites Auto in der Garage hast? Dass du uns bis zum Sommer eine eigene Wohnung kaufst? War das alles ehrlich, ja? Von Angesicht zu Angesicht?“
Andreas zuckte zusammen. Dann sah er zu Rosa hinüber, als suche er dort, aus alter Gewohnheit, irgendeinen Beistand.
„Rosa, hör zu, ich weiß nicht, was sie dir hier erzählt hat…“
„Sie hat mir nichts eingeredet“, sagte Rosa. „Sie hat Fragen gestellt. Geantwortet habe ich. Mit der Wahrheit. Dass die Wohnung meiner Mutter gehörte. Dass ich sie geerbt habe. Dass sie schon vor unserer Ehe mir gehörte. Dass es nur ein Auto gibt, und das ist finanziert. Dass du nächsten Monat fünfzig wirst. Ich weiß das alles, Andreas. Ich habe fünfundzwanzig Jahre mit dir gelebt und beschäftige mich seit dreiundzwanzig Jahren mit fremden Wohnungen. Womit willst du mich also noch überraschen?“
Andreas schwieg. Seine Kiefermuskeln arbeiteten.
„Ich verstehe nicht, was ihr damit erreichen wollt“, sagte er schließlich dumpf. „Ihr veranstaltet hier irgendein… Tribunal.“
„Niemand will irgendetwas erreichen“, erwiderte Rosa müde. „Dort stehen deine Taschen. Die Anzüge, das Werkzeug. Der Koffer ist im Flur. Nimm alles mit und fahr. Ich habe dich nicht herbestellt, um Gericht über dich zu halten. Ich habe dich überhaupt nicht hergebeten. Du wolltest selbst kommen, wegen des Koffers.“
„Und sie?“ Andreas machte eine kurze Kopfbewegung in Leas Richtung. „Wer hat sie eingeladen?“
„Ich“, sagte Rosa. „Damit sie dir ins Gesicht sagen kann, wozu sie sich entschlossen hat. Sonst würdest du wieder am Telefon anfangen. Sanft, schön, von weitem, so wie du es kannst. Aber hier geht es nicht von weitem. Hier siehst du sie an. Also, Lea. Sag es.“
Lea stand auf. Sie wirkte klein, schmal, fast zerbrechlich. Und trotzdem war sie in diesem Augenblick gerader und größer als Andreas, der vor ihr stand.
„Ich gehe, Andreas“, sagte sie. „Endgültig. Heute Morgen habe ich meine Sachen aus der Wohnung geholt, während du am Institut warst. Die Schlüssel liegen unter der Fußmatte. Den Vermieter rufst du selbst an.“
„Lea“, sagte er und machte einen Schritt auf sie zu. Sofort veränderte sich seine Stimme. Sie wurde weich, gedehnt, warm; genau diese Stimme musste es gewesen sein, mit der er ihr Gedichte vorgelesen und gesagt hatte, er könne endlich wieder atmen. „Lea, bitte. Was machst du denn. Hör mir doch erst zu. Ja, ich habe wegen der Wohnung gelogen. Mir war es irgendwann peinlich, dass ich selbst nichts habe. Ich wollte besser wirken, verstehst du? Ein Mann will doch nicht völlig armselig dastehen. Ist es denn ein Verbrechen, vor dir würdig erscheinen zu wollen? Alles andere war doch echt. Die Gefühle waren echt.“
Rosa hörte ihm zu, und die Vertrautheit dieses Tons traf sie mit beinahe körperlicher Klarheit.