Geschichte
„Ich möchte zwei Schlösser. Dann bin ich auf der sicheren Seite.“ sagte sie entschlossen und drehte die neuen Schlüssel im Schloss

„Ich möchte zwei Schlösser. Dann bin ich auf der sicheren Seite.“ sagte sie entschlossen und drehte die neuen Schlüssel im Schloss

Diese neue Ruhe ist befreiend und absolut verdient.

510 Leser 8 Seiten ~3 Min.

Der Schlüsseldienst traf nach einer halben Stunde ein. Laura Schmitt stand im Flur, an die Wand gelehnt, und beobachtete, wie der Monteur das Schloss der Wohnungstür auseinanderbaute. Als der alte Mechanismus schließlich in seiner Hand lag, löste sich in ihr etwas mit einem kaum hörbaren inneren Klicken. Vielleicht war genau das diese Befreiung, von der nach einer Scheidung alle sprachen.

„Sie haben sich für ein gutes Schloss entschieden“, bemerkte der Handwerker, während er den neuen Zylinder anpasste. „Stabil, zuverlässig. Soll zusätzlich noch ein zweites Sicherheitsschloss rein?“

„Ja“, antwortete Laura Schmitt ohne Zögern. „Ich möchte zwei Schlösser. Dann bin ich auf der sicheren Seite.“

Der Mann nickte und machte sich wieder an die Arbeit. Laura Schmitt ging ins Zimmer zurück. Auf dem Tisch lagen die Scheidungsunterlagen. Der letzte formale Vermerk war zwar noch nicht erledigt, doch die Papiere vom Gericht hatte sie bereits in der Hand. Alles war sauber geregelt, alles nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Kredite, kein gemeinsames Eigentum. Die Wohnung hatte Laura Schmitt zwei Jahre vor der Hochzeit von ihrer Großmutter geerbt, also gab es auch nichts aufzuteilen.

Sebastian Beck hatte sich damals noch über diese Einzimmerwohnung in dem alten Haus lustig gemacht.

„Du hättest sie lieber verkaufen sollen“, hatte er gesagt. „Dann hätten wir uns etwas Anständiges kaufen können. In einem Neubaugebiet, mit vernünftigem Grundriss.“

Nun aber war ausgerechnet diese Wohnung zu Laura Schmitts Rettungsinsel geworden. Achtunddreißig Quadratmeter, die nur ihr gehörten. Ein Raum, in dem niemand Befehle erteilte, niemand ihre Fernsehauswahl kommentierte und niemand schmutzige Teller im Spülbecken stapelte.

„Fertig“, rief der Monteur schließlich. „Probieren Sie es aus.“

Laura Schmitt nahm die neuen Schlüssel entgegen und drehte sie mehrmals nacheinander in beiden Schlössern. Die Tür fiel mit einem satten, weichen Geräusch ins Schloss. Von jetzt an würde niemand mehr diese Wohnung betreten, wenn die Hausherrin es nicht erlaubte.

„Vielen Dank“, sagte sie und bezahlte den Mann.

Als die Tür hinter dem Handwerker zufiel, lehnte Laura Schmitt sich mit dem Rücken dagegen und schloss für einen Moment die Augen. Stille. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr echte, ungestörte Stille. Kein Sebastian Beck, der pausenlos telefonierte. Kein Fernseher, den er vom Morgen bis in die Nacht laufen ließ.

Sie trat ans Fenster und riss es weit auf. Warme Juliluft strömte herein und brachte den Duft blühender Linden aus dem Nachbarhof mit. Unten spielten irgendwo Kinder; ihre Stimmen vermischten sich mit dem dumpfen Rauschen der Autos auf der weiter entfernten Straße. Ganz gewöhnliche Sommergeräusche, die früher im familiären Durcheinander untergegangen waren.

In der Küche fand Laura Schmitt im Kühlschrank nur einen Joghurt und eine Packung Quark. Sie öffnete die Tür, blieb davor stehen, musterte die bescheidenen Vorräte und musste schmunzeln. Sebastian Beck hatte sich ständig beklagt, es gebe nie „richtiges Essen“ im Haus. Ab jetzt würde sie nur noch kaufen, worauf sie selbst Lust hatte. Keine Wurst mehr, die er zu jedem Frühstück verlangte. Keine Fertiggerichte zum Abendessen, dreimal in der Woche.

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