Laura Schmitt nahm den Joghurt heraus, riss den Deckel ab und begann direkt aus dem Becher zu essen, während sie am Fenster stehen blieb. Früher hatte Sebastian Beck jedes Mal das Gesicht verzogen, wenn er so etwas sah.
„Wie im Studentenwohnheim“, hatte er gemurrt. „Kann man sich nicht normal an den Tisch setzen?“
Jetzt konnte sie essen, wo sie wollte und wie sie wollte. Freiheit schmeckte überraschend gut — süß, leicht säuerlich und nach Erdbeerjoghurt.
Das Telefon klingelte, als Laura Schmitt den leeren Becher ausspülte. Eine unbekannte Nummer. Sie runzelte die Stirn. Solche Anrufe verhießen selten etwas Angenehmes.
„Ja?“, meldete sie sich vorsichtig.
„Laura?“ Aus dem Hörer kam eine vertraute Stimme. „Ich bin’s. Sebastian.“
Laura Schmitt erstarrte, den nassen Becher noch in der Hand. Ihr Ex-Mann. Woher hatte er diese neue Nummer? Und weshalb rief er überhaupt an?
„Was willst du?“, fragte sie kühl.
„Wir müssen reden. Können wir uns treffen?“
„Nein“, schnitt Laura Schmitt ihm das Wort ab. „Wir haben alles vor Gericht besprochen.“
„Laura, bitte hör mir doch erst mal zu…“ Sebastian Beck klang ungewohnt sanft, beinahe einschmeichelnd. „Ich weiß, dass du wütend bist. Aber es gibt da ein Problem, das gelöst werden muss.“
„Was denn für ein Problem?“
„Meine Mutter. Sie braucht vorübergehend eine Unterkunft. Wirklich nur für ein paar Monate.“
Laura Schmitt stellte den Becher auf den Tisch und umklammerte das Telefon fester. Ihre ehemalige Schwiegermutter. Anna Werner. Genau jene Anna Werner, die ihr während der gesamten Ehe erklärt hatte, wie man Suppe richtig kochte, Wäsche ordentlich zusammenlegte und einen Ehemann nach der Arbeit zu empfangen hatte.
„Und was habe ich damit zu tun?“, fragte Laura Schmitt.
„Wie, was hast du damit zu tun? Du kennst sie doch. Sie mochte dich immer.“
„Sie mochte mich“, wiederholte Laura Schmitt langsam. „Aber wir sind geschieden, Sebastian. Ich gehöre nicht mehr zu deiner Familie.“
„Laura, bitte…“ Sebastian Beck schwieg kurz, dann atmete er schwer aus. „Ich weiß, dass ich viel von dir verlange. Aber ich habe niemanden sonst, an den ich mich wenden kann.“
„Und deine neue Frau?“, fragte Laura Schmitt geradeheraus.
Am anderen Ende entstand wieder eine Pause. Sebastian Beck räusperte sich.
„Emily Klein… sie kann nicht. Zwischen ihr und meiner Mutter funktioniert es nicht. Überhaupt nicht.“
„Verstehe“, sagte Laura Schmitt.
„Also kann deine Mutter mit deiner neuen Frau nicht unter einem Dach leben, mit der alten aber schon“, erwiderte Laura Schmitt trocken. „Wie praktisch.“
„Sag das bitte nicht so. Mama ist wirklich kein schlechter Mensch. Es ist nur so, dass die beiden überhaupt nicht miteinander klarkommen.“
Laura Schmitt ging zum Fenster und sah hinunter auf die Straße. Unten jagte ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, einem Ball hinterher, während seine Mutter auf einer Bank saß und in einem Buch las. Ein ganz gewöhnlicher Sommertag. Ruhig, beinahe friedlich. Eine Welt, in der fremde Sorgen keinen Platz hatten.
„Laura? Bist du noch dran?“, fragte Sebastian Beck.