„Ja.“

„Denk wenigstens darüber nach. Bitte. Sie wird dir nicht zur Last fallen. Anna Werner ist sehr rücksichtsvoll, das weißt du doch.“

„Rücksichtsvoll“, wiederholte Laura Schmitt langsam. „Meinst du dieselbe Frau, die mir jeden Tag erklärt hat, dass ich das Geschirr falsch abspüle?“

„Sie wollte doch nur helfen…“

„Sebastian“, fiel Laura Schmitt ihm ins Wort. „Meine Antwort lautet nein. Endgültig. Ohne Hintertür. Ich bin kein Auffanglager für deine Verwandtschaft.“

„Laura, jetzt sei doch menschlich!“, rief Sebastian Beck, und seine Stimme wurde schärfer. „Wo soll sie denn hin? Auf die Straße?“

„Keine Ahnung. Vielleicht fragst du Emily Klein, weshalb sie es nicht schafft, mit deiner Mutter auszukommen.“

„Was hat Emily damit zu tun?“, fragte er gereizt.

„Alles. Sie ist jetzt deine Frau. Dann soll sie sich auch um eure Familienangelegenheiten kümmern.“

„Laura, ich bitte dich wirklich im Ernst…“

„Und ich antworte dir ebenso ernst: nein“, sagte Laura Schmitt und beendete das Gespräch.

Kaum hatte sie das Handy sinken lassen, klingelte es erneut. Dieselbe Nummer. Laura Schmitt wies den Anruf ab und sperrte den Kontakt. Danach ging sie zur Wohnungstür und kontrollierte noch einmal, ob beide Schlösser verriegelt waren.

In der Wohnung breitete sich Stille aus. Laura Schmitt ließ sich in den Sessel fallen und blieb eine Weile reglos sitzen. Anna Werner… Sieben Jahre lang war diese Frau so etwas wie eine zweite Mutter für sie gewesen. Oder hatte zumindest versucht, diese Rolle einzunehmen. Immer mit Ratschlägen, immer mit kleinen Korrekturen, manchmal anstrengend, aber im Grunde gutherzig. Wenn Laura krank gewesen war, hatte Anna Medikamente vorbeigebracht. Zu Feiertagen hatte sie nie vergessen, etwas zu schenken. Und als Lauras Mutter gestorben war, hatte ausgerechnet ihre Schwiegermutter bei der Beerdigung geholfen.

Doch das gehörte zu einem anderen Leben. Damals war Laura Schmitt noch Sebastian Becks Ehefrau gewesen. Jetzt war alles anders. Und es war nicht ihre Schuld, dass Anna Werner Schwierigkeiten mit der neuen Schwiegertochter hatte.

Laura Schmitt stand auf und ging zum Kleiderschrank, in dem ihre Kleider und Kostüme ordentlich auf Bügeln hingen. Morgen würde ihr erster Arbeitstag beginnen. Verkaufsberaterin in einem Möbelhaus. Ein Grundgehalt von etwa 550 Euro plus Provisionen. Kein Traumjob, gewiss nicht. Aber nach der Scheidung war ihr klar geworden, dass sie ihr Leben von Grund auf verändern musste. Früher hatte sie in einer kleinen Speditionsfirma gearbeitet, schlecht bezahlt, dafür ruhig und vertraut. Jetzt brauchte sie ein richtiges Einkommen. Allein zu leben war teuer; jede Rechnung landete nur noch bei ihr.

Nach kurzem Überlegen nahm sie einen strengen dunkelblauen Hosenanzug heraus und legte eine weiße Bluse dazu. Klassisch, sachlich, unauffällig elegant. Wer Möbel verkaufen wollte, musste verlässlich wirken. Am nächsten Tag würden neue Kollegen, Kataloge, Produktlinien und die ersten Kunden auf sie warten. Ein neuer Alltag. Neue Gesichter. Neue Aufgaben.