Im Bad blieb Laura Schmitt lange vor dem Spiegel stehen. Die Scheidung hatte Spuren hinterlassen: Ihr Gesicht wirkte schmaler, unter den Augen lagen dunkle Schatten. Vierunddreißig war sie, doch an manchen Tagen kam sie sich vor wie Anfang vierzig. Stress, schlaflose Nächte, endlose Auseinandersetzungen mit Sebastian Beck — all das hatte sich in ihre Züge eingegraben.

Und trotzdem fehlte etwas, das sie in den letzten Monaten ihrer Ehe ständig begleitet hatte: dieser gehetzte, eingeschüchterte Ausdruck. Seit Laura von dem Betrug erfahren hatte, war in ihr etwas zerbrochen. Jeder Tag war zu einer Prüfung geworden. Sebastian kam nach Hause und tat, als sei nichts geschehen, während Laura zwischen dem Wunsch, alles hinauszuschreien, und der Angst schwankte, die Familie endgültig zu zerstören.

Nun gab es diese Familie nicht mehr. Dafür gab es Ruhe. Und das Recht, selbst zu bestimmen, wie es weiterging.

Laura Schmitt duschte, löschte das Licht und legte sich in das große Bett, das nun ihr allein gehörte. Die Bettwäsche roch nach frischem Waschmittel; sie hatte sie sofort gewaschen, nachdem ihr Exmann ausgezogen war. Fast wie ein kleines Ritual. Alles fortspülen, was an das gemeinsame Leben erinnerte.

Am Morgen weckte sie nicht Sebastians lautes Schnarchen, sondern der Klingelton ihres Weckers. Schon das fühlte sich wie ein kleiner Sieg an. Sie trank ihren Kaffee ohne Hast, zog bequeme Schuhe an und machte sich mit erstaunlich guter Laune auf den Weg.

Das Möbelhaus lag in einem Einkaufszentrum am Stadtrand. Der Verkaufsraum war weitläufig, hell und mit Küchenzeilen, Sofas, Sesseln und Schlafzimmermöbeln ausgestattet. Thomas Beck, der Geschäftsführer, begrüßte Laura Schmitt freundlich.

„Haben Sie Erfahrung im Verkauf?“, fragte er, während er ihren Lebenslauf durchblätterte.

„Ein wenig“, antwortete Laura ehrlich. „Aber ich bin bereit, schnell zu lernen.“

„Das Wichtigste ist, den richtigen Zugang zum Kunden zu finden. Alles andere kommt mit der Praxis.“

Thomas Beck führte sie durch die Ausstellung und erklärte ihr die Besonderheiten der einzelnen Möbelserien. Italienische Küchen, hochwertige Schlafzimmer aus Deutschland, robuste Tische und Stühle aus regionaler Fertigung. Die Preise reichten von ungefähr 150 Euro für einen einfachen Stuhl bis zu rund 3.000 Euro für eine exklusive Küche.

„Unsere Kundschaft ist sehr unterschiedlich“, erklärte der Geschäftsführer. „Manche suchen vor allem etwas Günstiges, andere sind bereit, für Qualität zu zahlen.“

„Genau darin besteht Ihre Aufgabe: herauszufinden, was der jeweilige Mensch wirklich braucht.“

Bis zur Mittagspause hatte Laura Schmitt bereits einen recht guten Überblick über die wichtigsten Bereiche des Möbelhauses gewonnen. Sie wusste, wo welche Serien standen, welche Hersteller eher für solide Alltagstauglichkeit bekannt waren und bei welchen man vor allem Design und Exklusivität bezahlte. Zu ihrer eigenen Überraschung gefiel ihr die Arbeit. Kunden kamen mit Grundrissen ihrer Wohnungen, zeigten Fotos von Schlafzimmern, Küchen oder Kinderzimmern und fragten nach Farbkombinationen, Stoffen und Oberflächen. Laura merkte, dass es nicht nur um Möbel ging. Es ging darum, Menschen dabei zu helfen, aus vier Wänden ein Zuhause zu machen.