„Das stimmt“, erwiderte Laura ruhig. „Sie war freundlich zu mir. Aber ich bin nicht mehr deine Frau, Sebastian. Und ich bin nicht verpflichtet, die familiären Schwierigkeiten des Mannes zu lösen, der mich verlassen hat.“

Er warf seine Zigarette auf den Asphalt, trat sie aus und kam einen Schritt näher. Der vertraute Duft seines Aftershaves erreichte sie, und ohne darüber nachzudenken, wich Laura zurück.

„Wo soll meine Mutter denn hin?“, fragte er gereizt. „Sie bekommt gerade einmal hundertsechzig Euro Rente. Davon kann sie sich keine Wohnung leisten.“

„Das weiß ich nicht“, sagte Laura. „Vielleicht findet Emily Klein ja eine Lösung. Oder du kümmerst dich um eine andere Unterkunft für Anna Werner.“

Sebastian lachte kurz auf, aber es klang nicht belustigt, sondern verzweifelt.

„Welche andere Unterkunft denn? Ich zahle den Kredit fürs Auto, dazu die Raten für die Wohnung. Emily hat gerade erst wieder angefangen zu arbeiten. Wir haben kein Geld übrig.“

„Dann müsst ihr eben nach einem Ausweg suchen“, antwortete Laura. „Aber nicht auf meine Kosten.“

„Laura, ich bitte dich doch nur um—“

„Und ich sage Nein“, unterbrach sie ihn. „Endgültig.“

Sie drehte sich um und ging zum Hauseingang. Doch nach wenigen Schritten hörte sie seine eiligen Schritte hinter sich. Sebastian holte sie ein und packte sie am Handgelenk.

„Warte!“, fuhr er sie an. „Bist du wirklich so hartherzig?“

Laura riss ihre Hand los. Ihre Stimme blieb kalt.

„Fass mich nicht an. Und wag es nicht, mir Herzlosigkeit vorzuwerfen. Wo war denn dein Herz, als du mich betrogen hast?“

„Das ist lange her.“

„Für dich vielleicht. Für mich war es eine Lektion.“ Sie sah ihn fest an. „Ich bin keine Notunterkunft für zwei Personen mehr, Sebastian. Hast du das endlich begriffen?“

„Denk wenigstens an meine Mutter. Anna Werner ist doch nicht schuld daran, was zwischen uns passiert ist.“

„Nein“, gab Laura zu und nickte knapp. „Sie trägt keine Schuld. Aber sie ist auch nicht meine Verantwortung. Jetzt soll Emily Klein versuchen, mit deiner Mutter zusammenzuleben. Oder eben nicht. Das ist eure Familie, nicht mehr meine.“

Sebastian starrte sie an.

„Du lehnst also wirklich ab?“

„Ja. Ich lehne ab. Und komm bitte nie wieder mit solchen Bitten hierher.“

Damit öffnete Laura die Haustür, trat ins Treppenhaus und ging hinauf in ihre Wohnung. Später stand sie am Fenster und sah, wie Sebastian noch etwa eine Viertelstunde neben seinem Wagen rauchte. Dann stieg er ein, startete den Motor und fuhr davon.

Laura kochte sich Kaffee und setzte sich ans Fenster. Unten im Hof spielten Nachbarskinder Verstecken. Ihr Lachen wehte durch das offene Fenster herein und vermischte sich mit dem Rascheln der Blätter im Sommerwind. Es war ein ganz gewöhnlicher Abend, in dem jeder Mensch seine eigenen Probleme zu tragen hatte.

Eine Stunde später klingelte ihr Handy. Sebastians Nummer erschien auf dem Display. Laura drückte den Anruf weg und blockierte den Kontakt erneut. Danach schrieb sie an dieselbe Nummer eine kurze Nachricht: „Ruf mich nicht mehr an. Meine Antwort bleibt nein.“