Am nächsten Tag verkaufte Laura Schmitt eine komplette Küchenzeile für zweitausend Euro. Ihre Provision betrug achtzig Euro. Thomas Beck schüttelte ihr zufrieden die Hand und erklärte, Verkäuferinnen wie sie finde man nicht an jeder Ecke.

„Sie haben wirklich ein Talent“, sagte der Geschäftsführer. „Die Kunden fassen schnell Vertrauen zu Ihnen.“

„Ich versuche nur, ehrlich zu beraten“, antwortete Laura.

„Genau das ist es. Ehrlichkeit ist selten geworden.“

Am Abend rechnete Laura ihre Einnahmen der vergangenen zwei Wochen zusammen. Mit dem festen Gehalt kam sie auf siebenhundertdreißig Euro. Das war mehr, als sie in der Logistikfirma in zwei Monaten verdient hatte. Ihr neues Leben brachte ihr nicht nur innere Erleichterung, sondern auch eine finanzielle Freiheit, die sie lange nicht gekannt hatte.

Ein paar Tage später kaufte sie sich ein neues Kleid und meldete sich im Fitnessstudio an. Es war Zeit, sich wieder um sich selbst zu kümmern. Ihr Körper hatte unter den letzten, angespannten Monaten der Ehe gelitten. Nun wollte sie wieder stärker werden, neue Interessen entdecken, anderen Menschen begegnen.

Im Fitnessstudio lernte sie Hannah Möller kennen, eine Frau ungefähr in ihrem Alter, die ebenfalls erst vor Kurzem geschieden worden war. In der Umkleide kamen sie ins Gespräch.

„Am Anfang hatte ich furchtbare Angst“, erzählte Hannah. „Ich dachte, allein schaffe ich das niemals. Und dann habe ich gemerkt: Ohne meinen Mann komme ich sogar besser zurecht.“

Laura lächelte müde, aber zustimmend.

„Ja. Niemand gibt Befehle, niemand kritisiert ständig, niemand bringt einem zusätzliche Schwierigkeiten ins Haus.“

„Mein Ex wollte übrigens auch zurück“, sagte Hannah und verdrehte die Augen. „Aber nicht, weil er die Familie vermisst hätte. Er wollte nur, dass ich wieder seine Probleme löse. Kannst du dir diese Dreistigkeit vorstellen?“

„Sehr gut sogar“, sagte Laura. „Bei mir war es fast genauso.“

„Und was hast du getan?“

„Ich habe Nein gesagt. Ein für alle Mal.“

„Richtig so“, meinte Hannah. „Sollen sie selbst mit dem fertigwerden, was sie angerichtet haben.“

Laura nickte. In diesem Moment begriff sie, wie wichtig es war, Menschen zu treffen, die nicht erklärten, man solle nachgeben, verzeihen oder sich für fremdes Chaos verantwortlich fühlen. Hannah hatte Ähnliches erlebt und sich nicht dafür geschämt, Grenzen zu setzen.

Zu Hause bereitete Laura sich ein einfaches Abendessen zu und schaltete Musik ein. Jazz. Früher hatte sie ihn nur leise über Kopfhörer gehört, weil Sebastian sich darüber beschwert hatte. Jetzt drehte sie die Lautstärke auf, so weit sie wollte.

Draußen wurde es langsam dunkel. Vor dem Fenster flammten die Straßenlaternen auf, in den Wohnungen gegenüber gingen nach und nach die Lichter an. Laura betrachtete die ruhige Szene und dachte daran, wie viel sich in nur einem Monat verändert hatte: die Scheidung, die neue Arbeit, neue Pläne. Und vor allem die Gewissheit, dass niemand mehr seine Entscheidungen auf ihre Schultern abladen würde.

Sebastian hatte Emily Klein gewählt. Also sollte Emily nun herausfinden, wie sie mit Anna Werner unter einem Dach zurechtkam. Oder auch nicht. Laura war aus diesem Spiel ausgestiegen.

Das Telefon blieb still. Für Laura war genau das der beste Beweis, dass ihr früherer Mann verstanden hatte: Druck würde nichts mehr bewirken. Sie wusste nun ganz sicher, dass sie niemanden mehr retten würde, der sich seine Probleme selbst geschaffen hatte.

„Zu dünn“, sagte Hannah Lehmann, schob den Teller von sich weg und tippte mit dem Löffel gegen den Rand. „Ich habe dir doch erklärt: Rote Bete reibt man, man schneidet sie nicht in Stücke. Und Lorbeer hast du auch wieder zu viel hineingetan.“

Auf dem Herd stand der große Topf, aus dem der Borschtsch dampfte. Fünf Stunden zuvor war ich noch in völliger Dunkelheit aufgestanden, nur um es rechtzeitig zum Wochenmarkt zu schaffen und frisches Rindfleisch zu bekommen. Ich hatte in der Schlange gewartet, eine Markknochen-Scheibe ausgesucht, genau so, wie Michael Krause sie mochte.