Dann ging er ins Kinderzimmer, wo Maria bereits einen Teil ihrer Sachen ausgepackt hatte, und begann, Kleidung, Kosmetik und Kleinigkeiten zurück in den Koffer zu legen.
„Was soll das werden?“, fuhr sie ihn an.
„Ich helfe dir beim Packen“, erwiderte er ruhig. „Das Taxi ist in einer halben Stunde da.“
Als Maria begriff, dass ihr Sohn es ernst meinte und nicht nachgeben würde, fiel ihre gekränkte Maske von ihr ab. Ihre Stimme wurde scharf, ihr Gesicht hart.
„Wie kannst du es wagen, Lukas? Diese Frau hat dich um den Finger gewickelt! Sie hat dir den Kopf verdreht und dir ein fremdes Kind untergeschoben! Und du Narr glaubst ihr auch noch! Männer sind doch alle gleich — sobald eine Frau ihnen schöne Augen macht, schalten sie den Verstand aus!“
Lukas sagte nichts. Wortlos legte er weiter ihre Sachen zusammen, schloss den Koffer und stellte ihn in den Flur. Als das Taxi klingelte, trug er das Gepäck hinunter und half seiner Mutter in den Wagen. Er wollte ihr noch Geld für die Fahrkarte geben, doch Maria wandte den Kopf ab, als hätte sie ihn gar nicht gehört.
„Mama“, sagte er dennoch und beugte sich zur offenen Autotür. „Wenn du irgendwann bereit bist, dich bei meiner Frau zu entschuldigen und meine Tochter als das anzunehmen, was sie ist, dann melde dich. Bis dahin kommst du nicht mehr hierher.“
Die Tür fiel zu. Das Taxi setzte sich in Bewegung und verschwand wenig später um die Ecke.
Lukas blieb noch einen Moment auf dem Gehweg stehen. Dann ging er zurück in die Wohnung. In der Küche saß Sophie Lorenz am Tisch, beide Hände um eine Tasse gelegt, in der der Tee längst kalt geworden war. Ihr Gesicht war blass, doch sie weinte nicht.
„Sie ist weg“, sagte Lukas leise und setzte sich neben sie. „Ich hätte nie gedacht, dass sie zu so etwas fähig ist.“
Sophie sah ihn müde an.
„Was hast du denn erwartet? Ich habe dir doch gesagt, wie sie mit mir spricht. Aber du wolltest es nicht glauben. Selbst nach allem hast du noch gehofft, dass es nur ein Missverständnis ist.“
„Ich weiß“, gab er zu. „Und vielleicht wollte ich es nicht sehen, weil sie meine Mutter ist. Aber jetzt…“
Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest.
„Du und Emma — ihr seid mein Zuhause. Mein Leben. Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht früher erkannt habe, was wirklich hinter all dem steckt.“
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Es war kein leichtes Schweigen, aber eines, in dem zum ersten Mal seit Tagen wieder Luft zum Atmen war. Schließlich standen sie gemeinsam auf und gingen zu Emma.
Das Mädchen hatte von dem ganzen Drama kaum etwas verstanden. Stolz hielt sie ihnen ein Blatt Papier entgegen. Darauf waren drei Figuren zu sehen, unbeholfen gemalt, aber eng aneinandergerückt. Drei Menschen, die sich an den Händen hielten.
Ihre kleine Familie.
Nicht perfekt. Nicht unverwundbar.
Aber echt.