Zehn Minuten später kam Lukas heraus.

„Ich helfe dir.“

„Dann hilf.“

Sie wies ihn nicht ab. Schweigen als Strafe war nicht ihre Art. Wenn er schon da war, sollte er arbeiten.

Gemeinsam sammelten sie den Müll ein, wischten den Tisch ab und räumten den Grill weg. Danach öffnete Sabine auf ihrem Handy eine Notiz und begann, etwas einzutragen.

„Was rechnest du jetzt schon wieder aus?“, fragte Lukas erschöpft.

„Die Ausgaben von gestern und den entstandenen Schaden.“

„Welchen Schaden?“

„Ellas kaputte Schaufel, die verschmutzte Decke, die jetzt gewaschen werden muss, die Grillkohle, das Wasser aus dem Brunnen, Müllsäcke, Benzin für den Generator.“

„Ist das dein Ernst?“

„Vollkommen.“

„Sabine, das ist doch kleinlich.“

Sie sah ihn über den Tisch hinweg an.

„Kleinlich ist es, wenn ein erwachsener Mann Gäste einlädt, ohne Geld dabeizuhaben, und anschließend seine Frau bittet, ihm etwas für den Einkauf zu überweisen.“

Lukas öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Eine Antwort fand er nicht.

„Ab heute“, fuhr Sabine fort, „gelten hier klare Regeln. Erstens: Ohne meine Zustimmung kommt niemand ins Wochenendhaus. Zweitens: Wenn du nach Absprache jemanden einlädst, besorgst du vorher selbst alles, was dafür nötig ist. Drittens: Die Lebensmittel für die Kinder werden nicht angerührt. Viertens: Wenn deine Verwandtschaft kommt und sich aufführt wie in einer Pension, bedienst du sie selbst.“

„Und wenn ich damit nicht einverstanden bin?“

„Dann verbringst du die Zeit mit ihnen woanders.“

„Wirfst du mich jetzt aus dem Wochenendhaus?“

„Ich erkläre dir die Bedingungen für den Aufenthalt auf meinem Grundstück.“

Er lachte kurz, aber es klang unsicher.

„Das hört sich ja an wie ein Mietvertrag.“

„Bring mich nicht auf Ideen. Ich kann auch eine Hausordnung schreiben und an den Kühlschrank hängen.“

Lukas sah sie lange an. Offenbar begriff er erst jetzt, dass seine Frau am Vortag nicht einfach nur die Nerven verloren hatte. Sie veränderte tatsächlich die Ordnung der Dinge. Sie bat nicht mehr darum, dass man ihre Arbeit respektierte. Sie hoffte auch nicht mehr darauf, dass ihr Mann irgendwann von selbst darauf kam. Sie legte Regeln fest, und diese Regeln waren schlicht: Wer großzügig sein will, soll es auf eigene Kosten sein.

Mittags fuhren sie zurück in die Stadt. Unterwegs sprachen sie kaum miteinander. Die Kinder schliefen auf der Rückbank, erschöpft von Sonne, Aufregung und dem Durcheinander des Vortags. Lukas hielt den Blick konzentriert auf die Straße, warf Sabine aber hin und wieder einen Seitenblick zu. Sie schaute aus dem Fenster auf Felder, staubige Straßenränder und vereinzelte Bushaltestellen mit abblätternder Farbe. Der Sommer ging weiter, doch in ihr hatte sich etwas verschoben. Es war keine Kränkung mehr. Es war Klarheit.

Zwei Tage später rief Marie an.

„Sabine, hallo. Störe ich?“

„Sag einfach.“

„Mama ist beleidigt. Sie sagt, du hättest sie bloßgestellt.“

„Marie, deine Mutter ist unangekündigt gekommen, hat Lebensmittel gegessen, die für meine Kinder gekauft waren, und mir danach Geiz vorgeworfen. Niemand hat sie bloßgestellt. Man hat ihr nur nicht erlaubt, das Kommando zu übernehmen.“